Bin ich meinem schwierigen Kollegen Loyalität schuldig?

StartseiteFR7Stand: 21.08.2026, 14:07 UhrKommentareUns auf Google folgenPacke ich das alles? © Eva HillreinerDas ist hier die Frage.Liebe Franka, in meinem Team gibt es einen Kollegen, der in der letzten Zeit f...

  • 4 min read
Bin ich meinem schwierigen Kollegen Loyalität schuldig?

Stand: 21.08.2026, 14:07 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Franka Illu

Packe ich das alles? © Eva Hillreiner

Das ist hier die Frage.

Liebe Franka, in meinem Team gibt es einen Kollegen, der in der letzten Zeit fachlich ziemlich schwach ist und regelmäßig Fehler macht. Weil ich schon lange im Unternehmen und wahrscheinlich geübter in verschiedenen Bereichen bin, gleiche ich einiges aus, bevor es auffällt. Nach außen wirkt unsere Abteilung deshalb funktionierend. Inzwischen belastet mich das. Ich habe das Gefühl, seine Arbeit mitzutragen, ohne dafür Anerkennung zu bekommen. Manchmal bin ich sogar zwei Stunden länger im Büro geblieben, um ihn nicht ins offene Messer laufen zu lassen. Wenn ich die Fehler allerdings offen anspreche, könnte das ernste Konsequenzen für ihn haben. Er hat Familie, offenbar ist es gerade auch privat nicht leicht für ihn, er braucht den Job und ist grundsätzlich ein freundlicher Mensch. Wenn ich weiter schweige, wird sich wahrscheinlich nichts ändern. Wenn ich etwas sage, gefährde ich womöglich seine Existenz. Bin ich ihm Loyalität schuldig, weil wir zusammenarbeiten und der mögliche Verlust der Existenzgrundlage einer ganzen Familie schwerer wiegt als meine (hoffentlich nur temporäre!) Zusatzarbeit? Oder ist Ehrlichkeit gegenüber dem Unternehmen und den anderen Kolleginnen wichtiger?

FR7-Leser Julian (34)

Lieber Julian, man merkt Ihrer Frage an, dass Sie es sich mit dieser Sache nicht leicht machen, das gefällt mir gut. Es ist menschlich, empathisch und solidarisch. Sie sehen nicht einfach einen Kollegen, der seine Arbeit derzeit nicht so gut macht, wie er es sollte und vermutlich auch könnte. Sie sehen einen Menschen, der Fehler macht, vielleicht überfordert ist, privat eine schwere Zeit durchmacht, eine Familie hat und auf seinen Arbeitsplatz angewiesen ist. Und gleichzeitig spüren Sie sehr deutlich, was es mit Ihnen macht, ständig aufzufangen, was bei ihm liegen bleibt. Beides darf gleichzeitig wahr sein: Ihr Mitgefühl für ihn und Ihr Ärger über die Situation.

Vielleicht können Sie sich zunächst von dem Gedanken lösen, Sie müssten zwischen zwei großen Gesten wählen: entweder weiter alles auffangen oder seinen Vorgesetzten informieren. Dazwischen liegt eine dritte Möglichkeit, und die scheint mir in Ihrem Fall die menschlichste zu sein: Machen Sie die Situation gemeinsam mit ihm sichtbar, für ihn selbst.

Dafür braucht es vermutlich ein Gespräch, das etwas Mut kostet. Nicht als Abrechnung, sondern als vertrauliche, direkte Rückmeldung. Sie könnten etwa sagen: „Ich möchte mit dir über unsere Zusammenarbeit sprechen. Mir ist aufgefallen, dass ich in letzter Zeit ziemlich häufig Dinge nachbearbeite oder korrigiere, bevor sie weitergehen. Ich habe das bisher gemacht, weil mir wichtig war, dass unser Bereich gut funktioniert. Aber ich merke, dass mich das inzwischen belastet. Ich möchte deshalb gern mit dir überlegen, wie wir das verändern können.“

Das entscheidende Wort ist vielleicht das „wir“. Denn damit machen Sie ihn nicht zum Problem, das beseitigt werden muss. Sie machen die Zusammenarbeit zum gemeinsamen Gegenstand. Vielleicht lässt sich sogar eine ganz praktische Vereinbarung treffen: Bestimmte Aufgaben werden vor der Weitergabe gegenseitig kurz gegengelesen, komplexe Vorgänge werden aufgeteilt, für eine Weile arbeitet Ihr Kollege mit einer Checkliste oder einem Vier-Augen-Prinzip. Und vor allem: Sie korrigieren nicht mehr automatisch alles heimlich. Wenn Ihnen ein Fehler auffällt, geben Sie ihn zunächst an ihn zurück und bitten ihn, ihn selbst zu beheben. Das mag sich anfangs unangenehm anfühlen. Aber genau darin steckt ein wichtiger Unterschied: Sie lassen ihn nicht ins offene Messer laufen. Das kostet vermutlich mehr Zeit und Energie als einfaches Verpetzen. Aber es ist menschlich und sorgt außerdem dafür, dass sich in Ihrer Abteilung eine angstfreie Atmosphäre etabliert, was am Ende sogar (wenn man es betriebswirtschaftlich sehen will) einen größeren Output liefert.

Vielleicht überrascht Sie sogar, was dann passiert. Menschen wissen häufig mehr über ihre eigenen Schwächen, als wir glauben. Ihr Kollege könnte erleichtert sein, dass jemand das Thema anspricht. Vielleicht braucht er tatsächlich Unterstützung, vielleicht fehlt ihm an einer bestimmten Stelle Wissen, vielleicht arbeitet er zu hastig oder hat sich schlechte Routinen angewöhnt. Und dann kommt Ihre eigene Grenze ins Spiel. Sie müssen nicht drohen und auch nicht ankündigen, dass Sie die Sache „nach oben geben“. Sie können schlicht sagen: „Ich unterstütze dich gern, aber ich kann die Fehler nicht mehr dauerhaft ausgleichen. Es muss sich auch etwas ändern.“ Das ist eine faire Grenzziehung, keine Drohung.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Form von Loyalität: nicht wegzusehen, aber auch nicht zu verurteilen; nicht zu vertuschen, aber auch nicht bloßzustellen. Sie können Ihrem Kollegen die Wahrheit sagen und ihm zugleich die Hand reichen. Mehr, glaube ich, müssen Sie nicht tun.

Darin liegt eine große Chance für Sie beide. Sie müssen nicht länger derjenige sein, der im Hintergrund alles rettet. Ihr Kollege bekommt die Gelegenheit, Verantwortung für seine Arbeit zu übernehmen. Und aus einem stillen Ungleichgewicht könnte wieder eine Zusammenarbeit werden, in der Sie auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Das wäre doch schön, und ist sicher einige Mühen wert. Zumal Sie dann vielleicht auch einen stillen Verbündeten haben, wenn Sie selbst einmal straucheln sollten – was ja jedem passieren kann.