Schamgefühle wegen ungelesener Bücher im Regal? Das muss nicht sein

Offiziell läuft Lesen so: Der Mensch beginnt am Anfang, folgt der vorgegebenen Reihenfolge und beendet die Lektüre mit dem letzten Satz, eine seit Jahrhunderten, nein, Jahrtausenden eingeübte Kulturpraxis. Und ...

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Schamgefühle wegen ungelesener Bücher im Regal? Das muss nicht sein

Offiziell läuft Lesen so: Der Mensch beginnt am Anfang, folgt der vorgegebenen Reihenfolge und beendet die Lektüre mit dem letzten Satz, eine seit Jahrhunderten, nein, Jahrtausenden eingeübte Kulturpraxis. Und eine große Lüge. Denn jeder weiß: Schon mit dem ersten Satz setzen Zweifel ein. Hängt der Text durch? Wie geht es aus? Seit Menschen schreiben, also auch seit sie lesen, steht der Abbruch im Raum, das Scheitern. Fast immer ist es scham- und schuldbehaftet, oft sogar gegenüber Angehörigen, nein, gerade gegenüber den Liebsten über Jahrzehnte verschwiegen.

Nun, das muss nicht sein. Ungelesene Bücher, diese so belastenden Zeugnisse kulturellen Nicht-Genügens, lassen sich sublimieren, durch einfache Eingriffe mit den Spuren angeblich intensiver Lektüre versehen. Eselsohren und Flecken, Unterstreichungen und falsche Widmungen verwandeln jedes noch so nicht-gelesene Buch in ein „Monument kultureller Gelehrsamkeit und Urteilskraft“.

So jedenfalls lautet das Versprechen der „Book Handling Agency“, einer poststrukturalistisch geschulten Truppe aus vornehmlich US-Philologen, Autorinnen und Publizisten rund um die Zeitschrift Cabinet, die an diesem Sommerabend nach ihren Erfolgen in New York zur „Berlin Session“ geladen hat. Im Hinterzimmer einer Neuköllner Bar, einen Steinwurf von der Sonnenallee entfernt, haben sie einen Tisch aufgeschlagen, daran sechs junge Menschen in weißen Laborkitteln mit Fräsen und Flüssigkeiten. In einer Ecke die Service-Mitarbeiter für literarische Fakes, darunter der Germanist Michel Chaouli von der Indiana University in Bloomington, der US-Schriftsteller Tom McCarthy, die US-türkische Publizistin Merve Emre und die Berliner Germanistin Eva Geulen.

Gegen Aufpreis gibt es Absinth-Flecken, mehr Unterstreichungen und gefälschte Danksagungen des Autors

Zwei Stunden sind für die Buchbehandlung vorgesehen, aber das ist viel zu wenig. Der Bedarf ist riesig. Kunde um Kunde drängt in das stickige Kabuff und lässt sich in der Wahl der „packages“ beraten. Es gibt die Basis-Behandlung (einfaches Knicken des Buchrückens, keine Weinflecken), die Deluxe-Variante (mehrfaches Knicken, maschinelles Eckenabschleifen, billiger Wein) oder, das wählen die meisten, das Superb-Angebot, mit Absinth-Flecken, acht Unterstreichungen, wissenschaftlichen Anmerkungen und gefälschten Danksagungen oder Widmungen des Autors.

Es zeigt sich, dass das Nicht-Gelesenwerden jedes Buch treffen kann: Dissertationen über Hegel,  Walter Benjamins „Passagen-Werk“, Science-Fiction-Klassiker wie William Sloanes „The Rim of Morning“, Adult-Romance-Wikinger-Trash, ein Beckett-Reader. Ähnlich vielfältig sind die Gründe, die Dienstleistung der Buchbehandler in Anspruch zu nehmen.

Literatur

:Wie man Bücher liebevoll wegwirft

Es zerreißt einem das Herz, eine Privatbibliothek zu erben: ein ganzes Leben in Literatur. Aber sich im Zeitalter der Bildschirme die Wohnung voller Bücher stellen? Was tun?

Sina Najafi, Cabinet-Herausgeber und Chefredakteur, zudem Initiator des Events, befragt jeden Neuzugang und teilt die Erkenntnisse mit allen. Ein Kunde hat das Buch von seiner Mutter geschenkt bekommen, in drei Tagen kommt sie zu Besuch, unmöglich, es so schnell durchzuarbeiten; ein anderer hat ein Rezensionsexemplar nie rezensiert. Eine Kundin hat ein Buch gelesen, verloren, ein neues gekauft und will es jetzt auf ihren wahren Lektürestatus bringen lassen. Eine andere hat das Buch zwar gelesen, aber man sieht es ihm nicht genug an.

Eindruckschinderei liegt ja überhaupt am Beginn der Buchbehandlung und geht auf den irischen Schriftsteller Flann OʼBrien zurück. 1941 schrieb dieser in seiner konstant schlecht gelaunten Kolumne in der Irish Times über einen reichen Schnösel, der sich ungelesene Bücher ins Regal gestellt hatte. OʼBrien, angeekelt, empfahl: Gründen wir doch eine „book handling agency“, die jedes Buch so aussehen lässt, als habe sein Besitzer „damit mehrere Monate lang praktisch gelebt, gespeist und geschlafen“. Die Preisstaffelung, die praktischen Techniken, die Vorlagen für Fake-Anmerkungen („Ja, aber vgl. Homer, Od. III, 151.“) oder fiktive Danksagungen („Dein Freund und Bewunderer G. Bernard Shaw“) – alles Ideen des irischen Miesepeters.

Natürlich konnte er Insta und Tiktok nicht vorhersehen, die die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne bis zur Dauer, in der man ein Ei pellt, verringert haben. Er wusste nichts von Buchattrappen, von Julius Deutschbauers nomadischem Projekt der Bibliothek ungelesener Bücher, nichts davon, dass in angesagten Berliner Restaurants Bücher inzwischen nicht mit dem Rücken nach vorn stehen, sondern mit dem Schnitt, eine finale Geste der Verachtung für alle, die sich etwas auf ihre Bildung zugutehalten.

Und ob ihm die Berliner Veranstaltung gefallen hätte, weiß man auch nicht. Denn eigentlich, so sagt Cabinet-Herausgeber Najafi, gibt es die Agentur in New York gar nicht, das Berliner Event ist ein Pilotprojekt. „Wir sind alle fake“, wirft Eva Geulen ein, bestens gelaunt, nachdem sie den Architekten-Roman „The Mollino Set“ von Lytle Shaw mit falschen Anmerkungen versehen hat, bei denen jede KI vor Neid erblassen würde: „Pirandello hat das auch gesagt und besser“ oder, zu einer Passage über Nietzsches Umarmung eines Turiner Kutschenpferdes: „Banal.“

Wenn Berlin funktioniert – und danach sieht es nach einem Abend mit fast 40 behandelten Büchern aus – soll eine Performance in New York folgen, hat Najafi gesagt. Denn eigentlich diene das postmoderne Happening dem sehr basalen Anliegen, Spenden für seine Zeitschrift zu sammeln. Unabhängig vom Erfolg des Fundraising gelingt in Berlin aber etwas ganz anderes: die mutige Konfrontation der Leser mit ihren ungelesenen Büchern. Nur so kann Aussöhnung geschehen. Denn gerade die nicht-gelesenen Werke öffneten den „Horizont in die Zukunft“, sagt der Germanist Michel Chaouli: „Sie sind das Versprechen, dass ich mich ändern kann.“