Biedenkopf putzt sich für den Grenzgang heraus - 20.000 Menschen erwartet

Für das kleine Biedenkopf im Marburger Hinterland ist es ein Fest der Superlative: Ab Donnerstag laufen tausende Menschen drei Tage lang beim Grenzgang mit. Der ganze Ort bereitet ihn seit Monaten mit Vorfreude vor.

  • 7 min read
Biedenkopf putzt sich für den Grenzgang heraus - 20.000 Menschen erwartet

Service Navigation

Bis zu 20.000 Menschen bei Volksfest Biedenkopf putzt sich für den Grenzgang heraus

Für das kleine Biedenkopf im Marburger Hinterland ist es ein Fest der Superlative: Ab Donnerstag laufen tausende Menschen drei Tage lang beim Grenzgang mit. Der ganze Ort bereitet ihn seit Monaten mit Vorfreude vor.

Spitzgiebelige Fachwerkhäuser in einer Gasse mit Kopfsteinpflaster. An manchen Häusern hängen Deutschland-Fähnchen. Die Sonne scheint.

Fachwerkhäuser in der Oberstadt von Biedenkopf. Bild © Anna Spiess (hr)

Mannshoch stapeln sich die grünen Fichtenzweige an dem kleinen Brunnen in der historischen Oberstadt von Biedenkopf (Marburg-Biedenkopf). Daneben hockt Hanswerner Wehn und schwitzt.

Seit 8 Uhr sind er und seine Mitstreiter auf den Beinen und holen mit einem Transporter Astwerk aus einem extra dafür freigegebenen Waldstück. Aus den Zweigen werden Girlanden geknüpft, die dann zusammen mit der rot-weißen Stadtfahne zwischen den Fachwerkhäusern aufgehängt werden.

Biedenkopf putzt sich heraus für den Grenzgang - ein dreitägiges Volksfest, das nur alle sieben Jahre stattfindet. Die Menschen schmücken ihre Heimatstadt nicht nur, auch den kompletten Marktplatz reinigen sie noch mal.

Viele hätten sich für die Festvorbereitungen extra frei genommen, erzählt Wehn: "Wir machen das aus Enthusiasmus und aus Tradition. Das ist etwas Verbindendes, hier entstehen richtige Freundschaften."

Audiobeitrag

Audio

02:53 Min.|10.08.26|Anna Spiess

Bild © hessenschau.de| zur Audio-Einzelseite

Ende des Audiobeitrags

Stadttor aus Styropor nachgebaut

Ziel ist es, "den Wald in die Stadt zu holen" - so heißt das Schmücken der Häuser mit den Zweigen hier im Volksmund. Auch Birkenstämmchen sollen noch geschlagen und in den engen Gassen aufhängt werden.

Am zurückliegenden Wochenende haben Ehrenamtliche einige Meter weiter ein nachgebautes Stadttor aus Styropor aufgestellt. Der Lohn sei die Geselligkeit beim Zusammensitzen nach getaner Arbeit, so beschreibt es Wehn. Er ist merklich stolz darauf, seine Oberstadt in festlichen Glanz zu bringen.

Wehn gehört der Männergesellschaft Oberstadt an. Insgesamt elf Männergesellschaften und sieben Burschenschaften gibt es, die den Grenzgang organisieren und gestalten.

Ein Stadttor mit spitzem Giebel aus Styropor in Steinoptik steht vor einer realen mittelalterlichen Fachwerkgasse mit Kopfsteinpflaster.

Das historische Stadttor von Biedenkopf, nachgebaut aus Styropor. Bild © Anna Spiess (hr)

Die Gemeinschaften gelten als das Herzstück des jahrhundertealten Volksfests, jeder Verein repräsentiert ein Viertel oder ein Wohngebiet. Früher waren dort exklusiv Männer und Jungen Mitglieder, heute hat sich die Tradition geöffnet. Insgesamt sind beim Fest zwar weiter die Männer tonangebend. Frauen haben aber eigene Strukturen innerhalb der Gesellschaften und führen etwa den Nachmittagsfestzug an.

Grenzgang als Familientradition

"Wenn wir sechs Jahre und 362 Tage lang auf Augenhöhe sind, kann ich auch drei Tage lang damit leben, wenn die Männer mal im Vordergrund stehen", sagt Elke Kaufmann und lacht. Sie ist Erste Führerin der Oberstädter Frauen, der Frauengruppe, die zur Männergesellschaft Oberstadt gehört.

Für Kaufmann ist es der fünfte Grenzgang in einem festen Amt. Schon ihr Vater war dabei, auch ihre Tochter und ihr Sohn engagieren sich. Dass die Tradition weitergegeben werde, sei ihr wichtig, sagt sie.

Eine Frau mit kurzen grauen Haaren und Brille steht in einer Gasse mit Kopfsteinpflaster zwischen Fachwerkhäusern. Sie lacht in die Kamera.

Elke Kaufmann aus Biedenkopf ist leidenschaftliche Grenzgängerin. Bild © Anna Spiess (hr)

Am Morgen hat Kaufmann ausgedruckte Programmhefte bei den älteren Anwohnerinnen und Anwohner in der Oberstadt verteilt. Am Nachmittag werden in ihrem Garten Girlanden geknüpft, Mädchen und Frauen zwischen 14 und 90 Jahren sind dabei, wie sie erzählt. Auch Sträußchen für die Uniformen der Männergesellschaft wollen sie dann binden.

"Es macht einfach Spaß: Wir sitzen dann hier zusammen, singen auch", sagt Kaufmann. Anstrengend seien diese Tage aber auch, denn die Arbeit ist längst nicht vorbei: Am Mittwoch dieser Woche müssen zum Beispiel noch die Betten für die Musikkapellen bezogen werden, die beim Grenzgang in Biedenkopf mitwirken.

150 Seiten langes Sicherheitskonzept

Den Grenzgang auszurichten, ist für die Kleinstadt im Marburger Hinterland ein immenser Aufwand. Die Verantwortlichen rechnen in der Spitze mit bis zu 20.000 Menschen gleichzeitig in Biedenkopf. Es gibt ein 150-seitiges Sicherheitskonzept, Shuttlebusse sind unterwegs, viele Hotels im Umland sind ausgebucht.

Wegen der Schweinepest gibt es dieses Jahr außerdem strenge Verhaltensregeln. Gleich am ersten Tag führt die Grenzbegehung durch eine amtlich festgelegte Sperrzone. Die Grenzgänger dürfen die ausgewiesene Strecke nicht verlassen, Hunde müssen an der Leine bleiben.

Zwei Männer laden Tannenzweige aus einem Transporter auf einen kleinen Platz unter einem Baum ab. Im Hintergrund Fachwerkhäuser.

“Den Wald in die Stadt holen”: Zwei Männer laden Zweige aus einem Transporter in der Oberstadt von Biedenkopf. Bild © Anna Spiess (hr)

Hinzu kommt die hohe Waldbrandgefahr. Wegen ihr ruft der Grenzgangsverein zu erhöhter Vorsicht auf. "Da Waald es inser" - der Wald ist unser - ist sowieso eines der Mottos des Festzugs.

Auch deshalb trage man eine besondere Verantwortung, diesen "sensiblen Naturraum zu schützen", in dem beispielsweise keine Glasflaschen im Wald liegen bleiben sollen, heißt es in dem Schreiben. Die Feuerwehr hält sich bereit und kann nur eingeschränkt mitfeiern, sieht sich aber nach Aussage eines Sprechers gut aufgestellt.

"Unglaublich viel Arbeit"

Gleichzeitig soll auch die Tradition an sich gepflegt werden - auch hier laufen die Vorbereitungen seit Monaten. Die Reiter, die den Grenzgang begleiten, üben zum Beispiel, mit Pferden über einen voll besetzen Marktplatz zu reiten. Die sogenannten Wettläufer, die dem Zug vorangehen, absolvieren Waldläufe und üben das traditionelle Peitschenknallen. Musikstücke werden einstudiert, Festreden vorbereitet, Uniformen sowie Banner auf Vordermann gebracht.

"Es ist unglaublich viel Arbeit, es ist unglaublich viel Stress", sagt dazu Uwe Funk. Der Pensionär ist der Vorsitzende des Grenzgangsvereins, der das Fest verantwortet.

Weitere Informationen

So läuft der Grenzgang ab

Den Grenzgang in Biedenkopf gibt es seit 333 Jahren. Er geht zurück auf eine landgräfliche Anordnung. Ursprünglich ging es darum zu überprüfen, ob die Grenzsteine der Stadt noch an Ort und Stelle waren. So sollten wertvolle Waldflächen im städtischen Besitz gesichert und Grenzstreitigkeiten vermieden werden.

Aus dieser Grenzbegehung entwickelte sich ein dreitägiges Fest mit Umzügen, Musik, Wanderungen und zahlreichen traditionellen Bräuchen. Im Zentrum steht immer noch die Grenzbegehung. Sie hat drei Etappen, die jeweils einen Tag dauern. Insgesamt werden rund 48 Kilometer gewandert, durch Wald und Wiesen - und immer zurück nach Biedenkopf.

Los geht es jeweils um 6 Uhr mit Böllerschüssen und dem Weckruf der Musikkappelle. Dann stellen sich die Grenzgänger auf dem Marktplatz auf, an der Spitze die Männergesellschaften und Burschenschaften in Uniformen. Oft wandert der Festzug mit tausenden Menschen los. Als Höhepunkte gelten die gemeinsamen Frühstückspausen auf der Strecke. Am Nachmittag wird auf dem Festplatz gefeiert und getanzt.

Ende der weiteren Informationen

Ein Ereignis dieser Größe ist aus Sicht von Funk erst durch den Einsatz der Menschen in Biedenkopf möglich. Rund 3.500 Ehrenamtliche stehen demnach hinter dem Grenzgang. In der gesamten Biedenkopfer Kernstadt, in der sich das Hauptgeschehen des Fests abspielt, leben etwa 7.000 Menschen.

Ungewöhnliche Zahlen in Zeiten, in denen viele Vereine über Mitgliederschwund klagen. Funk erklärt sich das mit dem "Grenzgangsfieber", wie er sagt: "Wenn wir im April die ersten Aufrufe machen, dann ändert sich die Stimmung in Biedenkopf. Ich wohne in der Nähe vom Marktplatz, dann höre ich da Singen, Musik und Lachen." Früher sei auch ein Malerbetrieb unterwegs gewesen, um die Häuser herzurichten, heute packten die Leute selbst mit an - auch auf den öffentlichen Plätzen.

Grenzgang soll Stadtgesellschaft verbinden

Biedenkopfs Bürgermeister Jochen Achenbach (CDU) sagt, der Grenzgang verbinde die Stadtgesellschaft über politische Ansichten, soziale Schichten und Generationen hinweg. Seine Söhne im Alter von 15 und 18 Jahren feierten genauso mit wie seine 82-jährigen Eltern.

"Wer hier groß geworden ist, der ist auch beim Grenzgang involviert", sagt Achenbach. Ein vergleichbares Volksfest gebe es wohl nirgendwo in Hessen. Die positive Stimmung aus den Festtagen gelte es in den Alltag mitzunehmen.

Kritik am Blackfacing

Außerhalb von Biedenkopf gibt es allerdings deutliche Kritik an einem Teil der Tradition: dem Blackfacing. Für den Festzug malt sich ein Mann das Gesicht schwarz an und tritt als "M*hr von Biedenkopf" auf.

Für viele in Biedenkopf selbst gilt es als besondere Ehre, diese Rolle einzunehmen, Beobachter wie die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) bewerten sie als rassistisch. Auch die hessenschau hat hierzu mehrfach berichtet.

In Biedenkopf "prickelt die Luft"

Im Endspurt vor den Festtagen spielt diese Debatte in Biedenkopf nur eine Nebenrolle. Weitere Gespräche zu den Kritikpunkten soll es erst nach dem diesjährigen Grenzgang geben. Der Wunsch von vielen hier: erst mal in Ruhe feiern. Los geht's am Donnerstag um sechs Uhr morgens mit den Böllerschüssen auf dem Schlossberg.

Bis es so weit ist, werde sich die Stadt durch die Vorbereitungen aber fast stündlich noch mal verändern, sagt Bürgermeister Achenbach. Er lädt alle ein, vorbeizukommen und sich selbst ein Bild zu machen. Zum Grenzgang "prickelt die Luft" in Biedenkopf: "Wer das einmal erlebt hat, kommt immer wieder."