Bayern in Zecken-Alarm: FSME-Fälle steigen, neue Viren drohen

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Bayern in Zecken-Alarm: FSME-Fälle steigen, neue Viren drohen

Stand: 18.08.2026, 14:10 Uhr

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Zecke an einer Frau

Vorsicht, Zecke! Wer gestochen wurde und Symptome wie Fieber, starke Kopf- und Gliederschmerzen entwickelt, kann mit FSME infiziert sein. © smarterpix

Die Spinnentiere erreichen in Bayern inzwischen auch Almen bis 1500 Meter. Experte warnt: Das Virus bleibt in Rohmilch und Frischkäse aktiv.

München – Die FSME-Infektionen steuern dieses Jahr erneut auf ein beunruhigend hohes Niveau zu. Was den Experten Sorgen macht, sind neue Gefahrenherde: Zum einen können Zugvögel infizierte Zecken mit Viren einschleppen, die es bislang in Bayern noch nicht gibt. Zum anderen stechen die Spinnentiere mittlerweile nicht mehr nur in Tälern, sondern auch in einer Höhe von bis zu 1500 Metern zu.

Vergangenes Jahr wurden 711 gesicherte Fälle von Frühsommer-Meningoenzephalitis-Erkrankungen (FSME) in Deutschland registriert, davon 294 in Bayern. Das ist der zweithöchste Wert seit der staatlichen Meldepflicht 2001. „Heuer sehen wir, dass gerade in den vergangenen Wochen die Fälle massiv gestiegen sind“, sagt Prof. Gerhard Dobler, der Leiter des Nationalen Konsiliarlabors für FSME am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr München. „Deshalb rechnen wir mit ähnlich hohen Fallzahlen wie 2025. Das Risiko einer FSME-Infektion ist derzeit also groß.“

Professor Dr. Gerhard Dobler, Leiter Nationales Konsiliarlabor für FSME Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr

Professor Dr. Gerhard Dobler, Leiter Nationales Konsiliarlabor für FSME Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr. © Julia Lang, Sanitätsakademie der Bundeswehr

Vögel als Taxis

Um die FSME-Ausbreitung zu untersuchen, war der Oberfeldarzt kürzlich in der Oberpfalz. „An einem Südhang konnte ich innerhalb von einer Stunde 350 Zecken sammeln, das ist für diese Jahreszeit schon sehr viel“, berichtet der Experte. Der Fund wird im Labor getestet, um möglicherweise eingeschleppte neue Zeckenarten und veränderte FSME-Virusstämme zu entdecken. „Vögel, die aus Skandinavien, dem Baltikum oder Russland kommen, bringen neue Zecken mit FSME-Virusstämmen nach Deutschland, die eigentlich in anderen Klimazonen leben.“

Früher starben die von den Vogeltaxis abgefallenen Zecken und die enthaltenen FSME-Viren in den kalten Wintermonaten ab. Durch die milderen Winter – verursacht durch den Klimawandel – überleben sie aber mittlerweile und siedeln sich auch in Deutschland an. „Deshalb müssen sie auf Krankheitserreger untersucht und überwacht werden, ob das FSME-Virus eines Tages so mutiert, dass unser Impfstoff angepasst werden muss, um weiterhin zu wirken.“

Vogelschwarm

Vögel können Zecken als Transportmittel dienen. © dpa

Risiko auf der Alm

Neben dem risikoreichen Vogelzug beobachten Forscher auch, dass Zecken bei Weitem nicht mehr nur in Tälern auftauchen – was gerade beim Wandern gefährlich werden kann. „Zecken sind mittlerweile auch in den Bergen auf etwa 1500 Metern aktiv“, sagt Prof. Dobler.

Wald- und Rötelmäuse, die zu den Hauptwirten der Zecken gehören, bringen die Parasiten nach oben. „Werden dann auf einer Alm Ziegen von infizierten Zecken gestochen, breitet sich das FSME-Virus in deren Körper aus und gelangt in die Milch“, erklärt der Experte. „In Rohmilch und daraus hergestelltem Frischkäse bleibt das Virus aktiv und kann sich durch den Verzehr auf den Menschen übertragen. Deshalb raten wir dringend davon ab, Rohmilch an öffentlich zugänglichen Milchtankstellen zu trinken.“ Erst durch das Pasteurisieren oder Kochen der Milch stirbt das hitzeempfindliche Virus ab. Ziegenmilch sei übrigens häufiger infiziert als Kuhmilch.

ziege am berg

In Ziegenrohmilch bleibt das FSME-Virus aktiv. © smarterpix

Rückzugsort Wald

Ein neues Terrain erobern sich die Zecken auch in den Wäldern. „Durch die Hitzeperioden wandern die Zecken vom klassischen Wiesengebiet und den Waldrändern immer häufiger in den Wald hinein. Weil es zum einen die Mäuse ins schattige Unterholz zieht – zu Brombeersträuchern und Waldbeeren –, kommen hier auch die Zecken vermehrt vor“, so der Oberfeldarzt. „Zum anderen benötigt der Gemeine Holzbock, unsere häufigste Zeckenart, eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent, um nicht auszutrocknen. Dörrt in der Hitze der Boden am Waldrand aus, wandern die Zecken dorthin, wo es noch feucht ist.“

Express-Impfung

Prof. Doblers Appell: „Da durch all diese Faktoren feststeht, dass Zecken nicht mehr nur in Risikogebieten auftreten, sollte jeder dringend auf seinen Schutz achten.“ Das beginne mit festen Schuhen, Strümpfen sowie langen Hosen bei Spaziergängen und Wanderungen. Wer Anti-Zeckensprays nutzt, sollte diese häufiger wieder neu aufsprühen.

Coronavirus -Impfungen von Jugendlichen

Die Impfung bietet weiterhin den besten Schutz vor FSME. © dpa

„Den besten Schutz vor FSME bietet nach wie vor die Impfung, für die es auch jetzt noch nicht zu spät ist“, sagt der Mediziner. Die klassische FSME-Impfung umfasst drei Spritzen für die Grundimmunisierung. Nach sechs Wochen besteht ein weitgehender Schutz, nach einem halben Jahr ist man komplett geschützt.

„Wenn aber möglichst rasch ein Schutz aufgebaut werden soll, kann der Arzt auf das Schnell-Impfschema zurückgreifen“, sagt Prof. Dobler. „Hier bekommt man die zweite Spritze nach sieben, die dritte nach 21 Tagen und hat danach einen 70- bis 90-prozentigen Schutz.“ Dieser muss nach zwölf bis 18 Monaten erneuert werden, bei der klassischen Impfung hält er drei Jahre. In der Regel wird die Express-Impfung ebenfalls von den Krankenkassen bezahlt. Prof. Dobler: „Jedes Schnell-Impfschema ist um ein Vielfaches besser, als ohne Schutz in die Natur zu gehen.“

Symptome bei FSME und Borreliose

FSME verläuft in zwei Wellen: Nach einem Zeckenstich treten zunächst Fieber, starke Kopf- und Gliederschmerzen auf. Nach einiger Zeit sinkt das Fieber meist wieder. Bei manchen kehrt es jedoch nach einigen Tagen extrem hoch zurück. Typisch sind dann starke Nackensteifigkeit, Lichtempfindlichkeit, Schwindel oder Lähmungen. Dann sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden. Denn in dieser zweiten Phase kann es zu einer Hirnhautentzündung (Meningitis) oder einer Entzündung des Gehirns (Enzephalitis) kommen. Prof. Dobler: „Nach einer durchgemachten FSME-Infektion besteht eine lebenslange Immunität und es ist keine Impfung mehr notwendig.“

Ein typisches Symptom für Borreliose, die zweite durch Zecken übertragene Krankheit, ist die Wanderröte: Um den Einstich entsteht ein roter Fleck oder Ring, der über Tage hinweg kontinuierlich größer wird. In diesem Fall ist eine Antibiotikatherapie nötig, eine Impfung ist nicht möglich.

Christian Neureuther: Stich fast nicht überlebt

Den Kopf nach rechts oder links zu drehen – das fällt Christian Neureuther (77) noch immer schwer. Die Bewegungseinschränkung sowie wiederkehrende, starke Rückenschmerzen sind Spätfolgen einer Hirnhautentzündung. Diese hatte die Skilegende vor fünf Jahren durch einen Zeckenstich bekommen. „Das hätte ich fast nicht überlebt.“

Christian Neureuther

FSME-Infektion überstanden: Christian Neureuther wurde 2021 von einer Zecke gestochen. © ABR-Pictures/W.Breiteneicher

2021 war Christian Neureuther auf einer Garmischer Berghütte beim Holzfällen im Wald. „Etwa zwei Wochen später ist mir plötzlich richtig schwindlig geworden“, erinnert er sich. „Ich hatte nach den Tagen im Wald keine Zecke am Körper gesehen und deshalb gar nicht daran gedacht.“ Auch der Arzt, den er aufgesucht hatte, fand zunächst nichts. Dem damals 72-Jährigen aber ging es gesundheitlich immer schlechter. „Ich hatte Fieber und Bewusstseinsstörungen. Beim Gehen bin ich von einer Wand an die andere gerumpelt. Auch beim Sprechen hatte ich große Probleme.“

Auf Drängen seiner Familie kam Christian Neureuther ins Klinikum Garmisch – dort wurde eine Hirnhautentzündung diagnostiziert. Daraufhin wurde er ins Uniklinikum Innsbruck verlegt. Drei Wochen musste Neureuther in der Klinik bleiben. „Mein Gehirn hat nicht mehr richtig funktioniert, da war eine gezielte therapeutische Behandlung notwendig.“ Im Anschluss kam er in eine Reha-Klinik am Thiersee in Tirol. „Physio- und Ergotherapie haben mir geholfen, wieder auf die Beine zu kommen.“

Im Nachhinein weiß er: „Ich habe wahnsinnig viel Glück gehabt.“ Er sei damals zwar gegen FSME geimpft gewesen, habe aber nicht rechtzeitig an eine Auffrischung gedacht. „Mein Fehler. Ich kann nur jedem zur Impfung raten. Auch in unserer Familie wird jetzt konsequent aufgepasst, dass alle gegen FSME geimpft sind.“