Aydin Işik lädt Zuschauerin auf die Bühne – und gründet neue Religion
Der Kabarettist präsentiert sein Programm „Mein Dinner mit Gott" im Alten Dorfladen. In der improvisierten Schlussszene wird Denise aus Reihe 1 zur Göttin einer neuen Religion ernannt.
- 4 min read
Stand: 10.08.2026, 01:00 Uhr
Kommentare

Der Kabarettist präsentiert sein Programm „Mein Dinner mit Gott" im Alten Dorfladen. In der improvisierten Schlussszene wird Denise aus Reihe 1 zur Göttin einer neuen Religion ernannt.
Wallernhausen – Auf die Einladung, die Welt einmal aus einer neuen Perspektive zu betrachten, hat sich das Publikum am Freitagabend im Alten Dorfladen Wallernhausen eingelassen. Dort stellte Aydin Işik im Zuge der Reihe „Oberhessen kulturell“ sein Programm „Mein Dinner mit Gott“ vor.
Liebenswürdig lächelnd begrüßt er das Publikum und bekennt abrupt: „Ich bin ständig in Rebellion. Alles regt mich auf.“ Bei seinem Ausflug in die Politik („Der 45. US-Präsident hat alle meine Erwartungen übertroffen“) kann man das Kopfschütteln und die genervte Stimme gut nachvollziehen. Nicht minder düster fällt der Blick auf die Beliebtheitswerte aus: Die 13 Prozent von Kanzler Friedrich Merz hat sein Vorgänger Olaf Scholz mit 23 Prozent deutlich übertroffen. Işik: „Ich vermisse ihn.“
Und da ist ja noch die Partei, die Deutschland vermeintlich den alternativen Weg zu neuer Blüte aufzeigt. Der Mann auf der Bühne skizziert die neue Welt, die sich da auftut: Nur die Vater-Mutter-Kind-Konstellation wird als Familie anerkannt. Bloß nicht zu viele Kinder aufs Gymnasium schicken und Kinder mit Behinderungen raus aus der Regelschule. Wichtigstes Ziel ist die sogenannte „Remigration“: Vielfalt schadet – na klar.
Geniale Strategie gegen den Rechtsruck
Mit diesem täuschenden Ernst lotet Işik die Absurditäten seiner Gedankenexperimente aus. Das passt zu einem Künstler, der zwei Betriebswirtschaftsstudiengänge abgebrochen hat und stattdessen seiner wahren Liebe zum Theater und zum Darstellenden Spiel gefolgt ist. Işik ist der Mann mit der Patchwork-Berufsbiografie, den Auftritten in Theater- und Fernsehproduktionen, darunter der viel beachtete Film „Gelbe Briefe“, Moderator türkischsprachiger Radiosendungen, Regisseur und Kabarettist mit Programmen wie „Zu Gast bei Freunden“ und „Bevor der Messias kommt“.
Mit demselben täuschenden Ernst berichtet er von seinem stadtbildprägenden Erscheinungsbild. Da kann der taktvolle Mann nur mit einer blonden Perücke aus dem Haus gehen. Anschließend erläutert er seine geniale Strategie gegen den Rechtsruck: das Modell „Trojanisches Pferd“. Immerhin stünden bereits etliche türkische Namen auf den AfD-Mitgliederlisten, und so habe er alle seine Cousins – und das seien viele – zum Parteibeitritt überredet. „In drei Jahren werden Höcke-Reden mit türkischer Volksmusik unterlegt. Die Partei heißt dann ÜfD.“
Das muntert Işik auf. Danach gewinnt wieder sein optimistisches Ich die Oberhand. Immerhin heißt sein Programm „Mein Dinner mit Gott“. Mit ruhiger Stimme erklärt er: „Ich decke den Tisch für unseren lieben Herrn.“ Denn nachts hat ihn mitten in seinen Rebellenträumen eine Stimme aus dem Himmelsbüro aufgestört und den Besuch Gottes angekündigt. Skeptiker Işik verlangt zum Beweis ein Wunder – und die geheimnisvolle Stimme lässt ein Blatt vom Baum fallen.
Beim Tischdecken kommt er ins Grübeln: Warum soll Gott ein Er sein? Im Islam ist Gott geschlechtslos. Warum hat Gott ein solches Riesenproblem mit Frauen? Dass sie, schmerzhaft genug, Kinder bekommen, sollte Männer doch beeindrucken – dieselben Männer, die eine leichte Grippe als Nahtoderlebnis empfinden. Als weiteres Beispiel nennt er das Multitasking. Dabei erweise sich das weibliche Gehirn als Quantencomputer, während das männliche die Kapazität von Windows 95 besitze.
Das Himmelsbüro ruft an und kündigt das verspätete Erscheinen Gottes an: „Er muss noch eine Krise lösen.“ Das gibt Işik Zeit zu einem Blick auf skurrile Sekten – auf Jedi-isten, auf Kopie-isten und andere Phänomene Işikscher Fantasie. Aber er kommt auch zu einem nachdenklichen Schluss, warum Menschen Religionen zu brauchen scheinen: „Wir suchen Antwort auf die Fragen: Wie ist alles entstanden? Warum sind wir hier? Was geschieht mit uns nach dem Tod?“
Das sind nachvollziehbare und diskussionswürdige Fragen. Vielleicht hat sich Işik mit so viel Nachdenklichkeit aber übernommen. Kurzerhand gründet er eine neue Religion, den Denise-zismus: „Die neue Göttin kommt aus Reihe 1.“ Er holt Zuschauerin Denise auf die Bühne und wechselt damit zur Klamauk-Comedy. Ein Blick auf die erste Messe und die neuen Gebote „Leben und leben lassen“ – und Denise erweist sich, wenn nicht als Göttin, so doch als selbstbewusste und einfallsreiche Dialogpartnerin. Işik schließt mit den Worten: „Mit euch hat’s Spaß gemacht. Bleibt dieser Bühne treu.“