Aufstocken an der NATO-Ostflanke: Litauen baut neues Militärlager an Bundeswehr-Standort

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Aufstocken an der NATO-Ostflanke: Litauen baut neues Militärlager an Bundeswehr-Standort

Stand: 21.08.2026, 21:03 Uhr

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Der NATO fehlt Gelände für Feldübungen für Verbände in Divisionsstärke und darüber hinaus. Jetzt rüstet Litauen nach: mit reichlich Raum nahe Belarus.

Vilnius – „Wir investieren strategisch und umfassend in die militärische Infrastruktur, um sicherzustellen, dass sowohl die deutsche Brigade als auch die Soldaten anderer NATO‑Verbündeter in Litauen qualitativ hochwertig trainieren können und angemessene Lebensbedingungen vorfinden“, sagt Robertas Kaunas gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der litauische Verteidigungsminister spielt an auf den massiven Aufbau eines Militärcamps auf dem Truppenübungsplatz Rūdninkai nahe der Grenze zu Belarus: Damit unterstreicht die NATO ihr seit dem Ukraine-Krieg verfolgtes Ziel der Vorwärtspräsenz (Enhanced Forward Presence, eFP) gegen mögliche aggressive Ansprüche Wladimir Putins auf die baltischen Staaten. In das Camp zieht die im Aufwuchs befindliche Panzerbrigade 45 der Bundeswehr.

"Freedom Shield 2026" - Übung der Panzerbrigade 45 Litauen. Ein Leopard-Panzer pflügt über eine Piste im Wald.

Reichlich Platz für Panzer – und für die Besatzungen: Das neue Militärcamp auf dem Truppenübungsplatz Rudninkai nahe der Grenze zu Belarus. (Symbolfoto) © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Die Planungen für diesen Schritt hatte Litauen bereits 2022 eingeleitet, im Jahr des Überfalls Russlands auf die Ukraine. Per Gesetz wurde das rund 25.000 Hektar umfassende Areal rund 40 Kilometer südwestlich von Vilnius und keine 20 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt mit einem Sonderstatus versehen – das ermöglichte kontinuierliche Investitionen und die Errichtung von militärischer Infrastruktur. Anders als den anderen baltischen Staaten fehlt Litauen eine direkte Grenze zu Russland; Litauen grenzt dafür an Putins Juniorpartner Belarus und vor allem an die vornehmlich mit Raketen gespickte russische Enklave Kaliningrad. Von dort aus gilt ein russischer Angriff zu Lande als wahrscheinlich.

Nächste Etappe im Kampf gegen Putin: Eröffnung einer Schießbahn für schwere Maschinengewehre

Dagegen würde sich primär die Panzerbrigade 45 der Bundeswehr stemmen. Vor allem für dieses ständige deutsche NATO-Kontingent soll das Rūdninkai-Camp gleichermaßen eine heimelige Etappe wie auch eine Basis für deren geballte Verteidigungsanstrengungen werden. Das baltische Land sieht sich in der Bringschuld seinen NATO-Partnern gegenüber: „Die Entwicklung der Verteidigungsinfrastruktur erfolgt im Einklang mit den wichtigsten Prioritäten: Unterstützung durch das Gastland, Verbesserung der Wohn-, Dienstleistungs- und Ausbildungsbedingungen, Entwicklung von Munitionslagern und Wartungsinfrastruktur für neue Ausrüstung und Waffensysteme“, hat das litauische Verteidigungsministerium Ende 2025 zur Eröffnung einer Schießbahn für schwere Maschinengewehre publiziert, in die mehr als sieben Millionen Euro geflossen waren.

„Die Vorbereitung der europäischen Streitkräfte auf großangelegte Kampfhandlungen erfordert Übungsgebiete, die ganze Brigaden und ihre Unterstützungskräfte aufnehmen können, sowie digitalisierte Übungsausrüstung, die es den Führungsteams ermöglicht, Kommandeure und ihre Streitkräfte in Echtzeit mit unvorhersehbaren Herausforderungen zu konfrontieren.“ 

Die von der Bundeswehr aufgestellte Panzerbrigade soll bis 2027 mit einer Gesamtstärke von 4.800 Soldaten und 200 zivilen Mitarbeitern voll als Kampfverband einsatzfähig sein. Bislang sind rund 2.000 Angehörige der Truppe in Litauen stationiert. Sie konzentrieren sich in Rūdninkai. Litauen verstärkt die NATO mit einem bescheidenen Beitrag von rund 20.000 aktiven Soldaten und einer gleich hohen Anzahl von Reservisten. Das versucht das Land auszugleichen mit dem Umwidmen von Flächen für militärischen Nutzen – um Russland auf Abstand zu halten: „Ein Übungsgelände ist auch eine befestigte Zone, die im Kriegsfall als künstliche Verteidigungszone dienen kann. In Friedenszeiten wird es für Übungen genutzt“, zitiert der öffentlich-rechtliche litauische Sender LRT den Politikwissenschaftler Deividas Šlekys.

Laut dem Analysten Lukas Milevski vom US-Thinktank „Foreign Policy Research Institute“ bietet Rūdninkai das einzige Gelände, um in Größenordnungen wie der einer Brigade zu üben – in der Bundeswehr umfasst ein solcher Großverband zwischen 1.500 und 5.000 Kräfte. An Fahrzeugen bewegt die in Litauen stationierte Panzerbrigade bis zu 1.000 Fahrzeuge – vom schweren Kampfpanzer über Radpanzer bis zu ungeschützten oder geschützten Lkw verschiedener Größen. Milevski führt weiterhin die Truppenübungsplätze Pabradė und Gaižiūnai an, mit 17.000 beziehungsweise etwas mehr als 12.500 Hektar – Platz für Manöver unterhalb einer Brigade. Für Übungen in Kompaniestärke – bis zu 150 Kräfte – baut Litauen Plätze in Tauragė und Šilalė aus.

Umdenken für ein vermeintlich höheres Ziel: die glaubhafte militärische Abschreckung

Auf diesen kleineren Plätzen dürfe ihm zufolge weder geschossen, noch mit Militärfahrzeugen gefahren werden; die als zivile Gelände bestehenden Areale dienen der Ausbildung in Taktik und Manövern der leichten Infanterie. Weitere größere Flächen sind vorgesehen. Tatsächlich gilt der Platzmangel als eine der schwierigsten Herausforderungen, um eine reibungslos ineinandergreifende, multinationale Streitmacht zu formen. Aufgrund des gegenüber russischen Truppen deutlich höheren Abstimmungsbedarfs fehlen den Europäern die großen Bühnen für die Generalproben von Großverbänden, kritisieren in einer aktuellen Analyse Rafael Loss, Marta Prochwicz Jazowska und Jana Puglierin. Was die USA der NATO bisher geboten hätten, sei schwer zu kompensieren, schreiben die Analysten des Thinktanks „European Council on Foreign Relations“ (ECFR):

„Das wichtigste Übungsgelände der US-Armee umfasst rund 2.600 Quadratkilometer kalifornische Wüste, auf denen Brigaden gegen eine ähnlich große gegnerische Streitmacht kämpfen können. Europas größte Manövergebiete sind nur ein Zehntel so groß, und die wenigen größeren, die existieren, werden als Artillerieübungsplätze genutzt und bieten nicht die notwendigen Einrichtungen für die Ausbildung und Beurteilung von Manöververbänden.“ Der Truppenübungsplatz Bergen in Niedersachsen gilt mit einer Fläche von rund 28.400 Hektar – also 284 Quadratkilometern – als der größte Truppenübungsplatz in Deutschland und ganz Europa. Die Autoren fordern insofern auch von der Zivilbevölkerung ein Umdenken für ein vermeintlich höheres Ziel – die glaubhafte militärische Abschreckung.

NATO benötigt Platz: für Feldübungen für Verbände in Divisionsstärke und darüber hinaus

Dafür dringend geboten seien „Feldübungen für Verbände in Divisionsstärke und darüber hinaus“, wie sie schreiben. Also für Massen zwischen 10.000 und 30.000 Kräften samt entsprechendem Fuhrpark – die würden weit über militärisch genutzte Enklaven hinausgehen und künftig ein politisches Eingreifen der Europäischen Union nach sich ziehen müssen: „Während des Kalten Krieges forderten westdeutsche Landwirte häufig Entschädigung für die Schäden, die NATO-Panzer auf ihren Feldern verursachten – ein Teil der EU-Agrarmittel könnte daher wieder zur Unterstützung solcher Manöver eingesetzt werden.“ Was die Autoren andeuten, unterstreicht auch der in den Niederlanden lehrende Lukas Milevski:

Für eine glaubhafte militärische Abschreckung müsse das Militär in die Zivilbevölkerung hineindiffundieren, und die europäische militärische Kooperation habe Binnengrenzen sowie nationale Egoismen zu überwinden. Das Rūdninkai-Camp könnte sich zum Leuchtturm-Projekt für die europäische Verteidigungsallianz auswachsen – die künftige Stärke einer europäisierten Verteidigungsallianz also von ihrer Ostflanke her wachsen. Wenn die baltischen Staaten Land abtreten, was sie entbehren können, ohne ihre Zivilbevölkerung zu überfordern: „Sie benötigen auch ein gewisses Maß an Vertrauen, dass sich die in den Aufbau dieser Übungsinfrastruktur investierte Zeit und das Geld durch die Präsenz der Alliierten auszahlen – eine Schwierigkeit, die sich in Litauen widerspiegelt, wo das Übungsgelände Rūdninkai buchstäblich um eine bereits wachsende deutsche Präsenz herum entwickelt wird.“

Die Verteidigung der Ostflanke wird von der NATO seit dem russischen Überfall auf die Ukraine konsequent multinational gedacht. In Litauen bildet Deutschland das bestimmende Kontingent mithilfe von Belgien, Tschechien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen. Somit hat die Bundeswehr nicht nur ihre eigenen Verbände zu einer Einheit zu formen, sondern ebenfalls spezialisierte Kräfte anderer Nationen. Das „Gefecht der verbundenen Waffen“, also der koordinierte Kampf zwischen Artillerie, Panzertruppe und Infanterie, wird um den Faktor der internationalen Kommunikation erschwert. Bereits im Ukraine-Krieg hatten die Verteidiger ihre Anfangserfolge vornehmlich der reibungslosen, weil digitalen Kommunikation zu verdanken. Ob die NATO das im Verteidigungsfall ähnlich effektiv bewerkstelligt, steht in den Sternen.

Für die ECFR-Autoren gilt daher als nächste Hürde die multilaterale Abstimmung über weite Distanzen: „Die Vorbereitung der europäischen Streitkräfte auf großangelegte Kampfhandlungen erfordert Übungsgebiete, die ganze Brigaden und ihre Unterstützungskräfte aufnehmen können, sowie digitalisierte Übungsausrüstung, die es den Führungsteams ermöglicht, Kommandeure und ihre Streitkräfte in Echtzeit mit unvorhersehbaren Herausforderungen zu konfrontieren.“ (Quellen: Ministerium für Nationale Verteidigung der Republik Litauen, dpa, Bundeswehr, NATO, Foreign Policy Research Institute, European Council on Foreign Relations, Lietuvos nacionalinis radijas ir televizija/LRT) (hz)