Von Atzmännig bis Gusöteli – wie beliebte Ausflugsziele zu ihren Namen kamen
Ein Rast- und Schlafplatz in den Bergen gleicht einem kleinen Paradies auf Erden. Die Namen erzählen von dem Erstbesteiger des Piz Bernina, von Alpwirtschaft, Besitzern und Pflanzennamen.
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Ein Rast- und Schlafplatz in den Bergen gleicht einem kleinen Paradies auf Erden. Die Namen erzählen von dem Erstbesteiger des Piz Bernina, von Alpwirtschaft, Besitzern und Pflanzennamen.
Von Nathalie Henseler*01.08.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten

Im Namen Äscher steckt der Begriff Asche.
Dominic Nahr / NZZ
Die Forschungsfahrtbeginnt beim Äscher (1455 m ü. M.), diesem Kleinod im Alpstein. Der Ort erzählt die Geschichte der Eremiten, die sich nach der Gründung der Höhlenkapelle im Jahr 1621 und des Wildkirchlis in einer der drei Höhlen unterhalb der Ebenalp ab 1658 hier niederliessen. Das heutige Berggasthaus wurde 1860 ursprünglich für eremitisch lebende Mönche errichtet. Der bekannte Appenzeller Namenforscher Stefan Sonderegger vermutet im Flurnamen Äscher einen Bezug zur alpwirtschaftlichen Nutzung in Form eines Hinweises auf die Düngung des Bodens mit Asche.
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Wir finden diesen Flurnamen auch andernorts in der Schweiz. Etwas oberhalb des Äschers liegt die Alp Bommen (1237 m ü. M.), die sich ganz anders präsentiert als der Äscher: Sie ist nicht in steilem Gelände, sondern auf einer Hochebene gelegen. Die Alp wird im Jahr 1446 erstmals als Bodmen erwähnt, woraus das Namenmotiv ersichtlich wird. Das Appenzeller Namenbuch geht von einer althochdeutschen Form «ze den bodamun», «auf dem Boden, der Hochebene» zum althochdeutschen Begriff «bodam» in der Bedeutung «Boden, Deck, Grund» aus. Im Appenzeller Dialekt wurde aus dem althochdeutschen Bodmen schliesslich Bommen, wie der gleichlautende Name der Alpwirtschaft.
Altdeutscher Rufname für Skigebiet
Vom Alpstein geht es zu den Churfirsten ins Toggenburg, wo ein Ausflug ins rätselhafte Iltios (1343 m ü. M.) für namenkundlichen Diskussionsstoff sorgt. Hier finden wir einen Pflanzennamen als Motiv, der einen beachtlichen sprachlichen Werdegang zurückgelegt hat. Der älteste Beleg findet sich im St. Galler Namenbuch: ein «Marchbrieff zwischen den Gnossen der Alppen Thyols und ab Gamps», ein Grenzbeschrieb zwischen den Alpgenossenbürgern von Gams und Thyol. Thyol ist somit die erste schriftliche Erwähnung des Alpnamens Iltios.
Die beiden Namenforscher Sonderegger und Hilty leiten den Namen von dem lateinischen Wort «taeda» für «Föhre» ab. Sie gehen von einer lateinischen Grundform *taedolas mit den Suffixen -ola und -s aus. Das Sternchen zeigt in der Sprachwissenschaft an, dass der Name nicht nachgewiesen werden kann und aus älteren Formen erschlossen wurde. Gemäss den beiden Wissenschaftern wurde «tiols» durch den Zusammenschluss mit der Präposition in (*in tiols, auf der Alp Tiols’) zu *intiols. Durch das Vertauschen der Buchstaben l und n entstand *iltions mit anschliessendem Ausfall des -n- vor -s. Iltios ist also die «Föhrenalp». Der Konsonantentausch wird fachsprachlich Metathese genannt. Ein Beispiel hierfür ist der Schwyzer Familienname Schelbert, der aus Schelbrett gebildet wurde.
Wir bleiben im Kanton St. Gallen, wo der Atzmännig (1185 m ü. M.) für ganze Generationen von Stadtzürcherinnen und Stadtzürchern der Inbegriff von Schlittelplausch und Winterzauber geworden ist. Der Atzmännig hat seinen Namen von einer Person erhalten, vermutlich vom Besitzer oder Bewohner der Alp. Atzman ist ein althochdeutscher Rufname und somit über tausend Jahre alt, denn die Zahl der althochdeutschen Rufnamen wurde um das Jahr 1100 stark dezimiert.
Das Motiv des Namens liegt in der Bedeutung bei der Familie des Atzman, wobei die Endung -ig von Atzmännig die sogenannte Sippenzugehörigkeit signalisiert. Wir kennen das von vielen Familiennamen wie Kündig oder Reding, die oft an Vornamen haften und die Sippe – hier die Sippe des Kundo oder eines Rato – bezeichnen. Beim Atzmännig handelt es sich um einen Hofnamen, der auf den Berg hochgewandert ist.
Die Reise führt weiter über den Zürichsee in den Kanton Schwyz, genauer gesagt zum Eingang des Wägitals, zum Gusöteli (547 m ü. M), einem bezaubernden Örtchen oberhalb von Siebnen. Das Gusöteli wird im Jahr 1406 zum ersten Mal in einem Einkünfteurbar erwähnt: «jtem usser des Gusis Atal 3 huͤnr», aus Gusis Aatal wurden drei Hühner als Abgabe entrichtet. Dem Motiv des Namens liegt also der Personenname Guso zugrunde, dessen Hof am angrenzenden Aatal, einer kleinen Schlucht, liegt. Der Schwyzer Namenforscher Viktor Weibel zeigt in seinem «Schwyzer Namenbuch» den detaillierten Namenwandel von Gusis Atal zum Gusöteli auf.
Unser Reiseweg in den Süden führt an der Isleten (436 m ü. M.) im Kanton Uri vorbei, einem Ausflugsziel vieler Einheimischer. Die Urner sprechen das s vor l mundartlich stark aus: «Issleten». Im Jahr 1407 ist der Name in einer Urkunde zwei Mal erwähnt: «uf der frutt untz nider ann das sand ann iselton. von der iseltten untz uf die frutt und gen iseltal», wie im «Urner Namenbuch» geschrieben steht. Der Name kommt von romanisch «isla», «Insel», und kann als «das am Wasser liegende Land, Insel» gedeutet werden. Das Ausflugsziel Beachhouse Isleten liegt denn auch direkt am See, an der steilen Einfahrt ins Isenthal, das seinen Namen ebenfalls von der Isleten erhalten hat.
Über den Gotthard und den Griespass geht es weiter ins italienische Pomatt, ein von Walsern besiedeltes Tal. Diese haben auch beim Ausflugsrestaurant Rifugio Bimse (1743 m ü. M) ihre Namensspuren hinterlassen. Das Pomatt, auf Italienisch Val Formazza oder Alta Val d’Ossola genannt, ist auch Namensgeberin des Urner Familiennamens Bomatter. Wer vom Nufenenpass über den Griespass ins Pomatt wandert, trifft am Lago di Morasco auf das Rifugio Bimse, auch bekannt als Alprestaurant «Beim See». Der Griespass (2452 m ü. M) hat seinen Namen übrigens von den vielen Schuttkegeln erhalten, die ihn umgeben. In der Älplersprache wurden Schutt, Geröll und Geschiebe auch als Gries bezeichnet.
Als letzte Station unserer Reise begegnen wir der Chamanna Coaz (2610 m ü. M.), einer SAC-Hütte, die sich inmitten der Berninagruppe im Oberengadin befindet. Sie ist nach dem Erstbesteiger des Piz Bernina, dem Churer Topografen und Bergsteiger Johann Coaz, benannt. Johann Coaz kam als Sohn eines in niederländischen Diensten stehenden Schweizer Berufsoffiziers im damals niederländischen Antwerpen zur Welt. Nachdem seine Familie in die Schweiz zurückgekehrt war, besuchte er die Königlich Sächsische Forstakademie im sächsischen Tharandt. Als Topograf realisierte er laut dem Bergbuchautor Daniel Anker in den folgenden Jahren 34 Erstbesteigungen vom Flüela-Wisshorn über den Piz Faschalba, den Piz Kesch, die Tschima da Flix, den Piz Corvatsch und Il Chapütschin bis zum König der Ostalpen, dem Piz Bernina.
Lawinenforscher als Namensgeber
Im Jahr 1851 wurde Coaz zum Oberforstinspektor des Kantons Graubünden ernannt, und 1875 wählte ihn der junge Bundesstaat zum ersten Eidgenössischen Forstinspektor. Coaz publizierte in seinen 96 Lebensjahren einiges, darunter ein Baum-Album. Nicht nur in der jahrelangen Arbeit als Topograf und Alpinist leistete er Pionierarbeit, sondern auch im Bereich der Lawinenverbauungen betrat er als Eidgenössischer Forstinspektor Neuland. Zunächst einmal setzte er sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung von Lawinen auseinander, und bereits im Jahr 1867 initiierte er die erste technische Lawinenverbauung im Engadiner Dorf Tschlin.
Coaz ging es laut einem Artikel in der Zeitschrift «Bündner Wald» mit den Lawinenverbauungen nicht nur darum, Siedlungen zu schützen. Er wollte auch den darunterliegenden Wald schonen, der wiederum mithilft, Überschwemmungen im Siedlungsraum zu vermeiden. Damit eröffnete Coaz eine neue Dimension bei der Erkennung von Naturgefahren und bei den Massnahmen zu ihrem Schutz. Die nach ihm benannte Schutzhütte, die Chamanna Coaz, ist ein würdiges Andenken an ihn.
* Nathalie Henseler forscht seit 29 Jahren zur Onomastik und hat sich auf Bergnamen sowie Familiennamen, Siedlungsgeschichte und Wüstungsforschung im alpinen Raum spezialisiert.
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