Ein vermeintlicher Freifahrtschein als Protest?

Eine App von Berliner Studenten, die Bahnfahrer vor Kontrolleuren warnt, sorgt nach längerem Schattendasein für Kontroverse. Die BVG fordert einen Stopp, die Gründer verteidigen sich und verweisen auf das eigentliche Problem.

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Ein vermeintlicher Freifahrtschein als Protest?

App warnt vor BVG-Kontrollen

Ein vermeintlicher Freifahrtschein als Protest?

Symbolbild: Ein Fahrgast läuft über den Bahnsteig der U7 (Quelle: picture alliance / Caro Kadatz)
Symbolbild: Ein Fahrgast läuft über den Bahnsteig der U7 (Quelle: picture alliance / Caro Kadatz)
  • App zeigt auf Karte Kontrolleure in U- und S-Bahnen
  • BVG kritisiert Angebot
  • Betreiber wollen nach eigenen Angaben Menschen helfen, die sich kein Ticket leisten können
  • Regelmäßig landen Menschen, die ihre Strafe fürs Fahren ohne Fahrschein nicht zahlen können, im Gefängnis

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Fahren ohne Ticket und ohne Angst, erwischt zu werden? Theoretisch möglich macht das eine App in Berlin. "Freifahren" heißt der Dienst, sieht aus wie eine Karte des U- und S-Bahnnetzes und zeigt mit roten Punkten an, wo Kontrolleure gemeldet wurden.

Seit einigen Tagen gibt es öffentlichen Streit darum, denn die Berliner Verkehrbetriebe (BVG) haben sich zu Wort gemeldet und bezeichnen die App als "Unterstützung unsolidarischen Verhaltens", das zulasten der zahlenden Fahrgäste gehe. Zuerst hatte die "Berliner Morgenpost" (€) über die Reaktion der Verkehrsbetriebe auf die App berichtet. Dem rbb teilt die BVG mit, sie beobachte die Entwicklung aufmerksam und bewerte fortlaufend "ob und welche rechtlichen Schritte im Einzelfall in Betracht kommen".

Nach Aus fürs Semesterticket an der TU entwickelt

Die digitale Karte und erst recht das Warnen vor Kontrolleuren ist nicht ganz neu. Entstanden sei die Idee bereits vor drei Jahren, sagt Johan Trieloff, der Initiator, ein Informatikstudent. Seine Universität, die TU Berlin, stoppte damals das Semesterticket. Einige Studierende seien daraufhin ohne Fahrschein gefahren, weil sie sich die Monatskarte nicht hätten leisten können. Schnell hätten sich anschließend in Messengerdiensten (vor allem auf Telegram) Gruppen gebildet, in denen diejenigen, die mit Ticket fuhren, die ohne Ticket warnten, wenn sie auf dem Weg in die Uni kontrolliert wurden.

"Das geht noch besser", habe er sich gedacht, sagt Trieloff. Er begann, eine Karte zu programmieren, die sich zunächst aus den Meldungen in den Chatgruppen speiste. Sein Kumpel David Brandes fand die Idee gut und stieg ein. Es entstand die Umsetzung als Web-App. Dort gibt es einen Melde-Button, mit dem man bequem Kontrollen eintragen kann. Wer in einer U- oder S-Bahn sitzt und kontrolliert wird, kann so ziemlich intuitiv Linie, Station und Fahrtrichtung eintragen. Die Geschichte der App hatte Trieloff Anfang August bereits der "taz" erzählt.

Entwickelt, um Menschen vor dem Gefängnis zu bewahren

Inzwischen bietet der Dienst sogar eine "Risikokarte" an, basierend auf typischen Verhaltensmustern von Kontrolleuren werden Linien als derzeit risikoreich oder risikoarm eingestuft. Die Karte speist Teile der Meldungen aber auch immernoch aus einer Telegram Gruppe mit über 38.000 Mitgliedern. Wie viele Nutzer die App genau hat, könnten sie nicht sagen, teilen die Betreiber auf Nachfrage mit, es seien aber "mindestens 40.000".

Zielgruppe seien nicht nur Studentinnen und Studenten ohne Semesterticket. Vor allem ein gesellschaftliches Problem habe den Denkanstoß gegeben, sagt Trieloff.

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Das Thema hat uns krass emotionalisiert.

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Johan Trieloff über Gefängnisstrafen fürs Schwarzfahren

Fahren ohne Fahrschein ist in Deutschland ein Straftatbestand. Und es gibt Tausende Menschen die jährlich im Gefängnis landen, weil sie Strafen nicht bezahlen können und dann irgendwann eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen müssen. Menschen ohne Obdach, Menschen mit sehr wenig Geld, Menschen, die aufgrund von Sucht- oder psychischen Krankheiten ihr Leben nicht ausreichend gut organisiert bekommen, um sich darum zu kümmern. Das Problem ist vielfach dokumentiert und debattiert - auch im rbb (Hier geht es zur Reportage "Fürs Schwarzfahren ins Gefängnis".).

Trieloff sagte, er habe ein Buch gelesen, das sich damit und mit sozialer Ungleichheit vor dem Gesetz befasste. "Das Thema hat uns krass emotionalisiert", sagt er.

Ende März saßen 120 Menschen wegen einer Ersatzfreiheitsstrafe im Gefängnis, die ihre Geldstrafen fürs Fahren ohne Fahrschein nicht hatten zahlen können, wie der rbb damals für eine Fernsehsendung zum Thema erfragte [ardmediathek.de]. Kritiker dieser Praxis führen neben der sozialen Ungerechtigkeit, dass es vor allem arme Menschen treffe, auch die hohen Kosten für den Staat an: Ein Tag Unterbringung in einem Berliner Gefängnis kostet mehr als 200 Euro pro Person.

BVG: Millionen-Verluste durch Schwarzfahrer

Man wolle der BVG mit der App keinen "Ärger machen", sagt Mitbetreiber David Brandes, sondern mit dem Warnsystem vor allem solchen Menschen helfen, die sonst ins Gefängnis kommen könnten. Die beiden glauben: Wer ohne Fahrschein fährt, obwohl er sich ein Ticket leisten kann, wird durch die App sogar eher eins kaufen, wenn Kontrolleure auf der Linie unterwegs sind.

Die BVG allerdings verweist auf den durch Schwarzfahrer entstehenden Schaden. Jährlich entgingen Einnahnem in Höhe von "rund 20 bis 25 Millionen Euro, mit zuletzt leicht steigender Tendenz", teilt das Unternehmen mit.

Bekannteste Helfer für wegen Fahrens ohne Fahrschein inhaftierter Menschen in Berlin ist die Organisation "Freiheitsfonds". Seit Jahren werden hier Spendengelder gesammelt, um damit Menschen, die wegen nicht bezahlter Geldstrafen fürs Fahren ohne Fahrschein einsitzen, aus der Haft freizukaufen. Angesprochen auf die App teilt einer der Vorsitzenden mit, diese sei bekannt, Überschneidungen zwischen den Projekten gebe es zwar nicht, man freue sich aber, dass die Entwickler auf den Freiheitsfonds und das Problem verweisen. In Berlin sei dieses "besonders groß", von hier erreichten den Freiheitsfonds besonders viele Anfragen von Menschen in Haft. Als Lösung fordert die Organisation einen kostenlosen Nahverkehr.

Andere Städte verzichten auf Strafanzeige

Es gäbe aber auch eine pragmatische Zwischenlösung, die inzwischen in mehreren Städten wie in Bremen [butenundbinnen.de] verbreitet ist: Das Land und die landeseigenen Verkehrsbetriebe könnten sich entscheiden, Menschen ohne gültigen Fahrschein nicht mehr anzuzeigen. Eine Straftat bliebe es dann zwar - das könnte nur auf Bundesebene geändert werden. Aber ohne Strafanzeige der Verkehrsbetriebe bei der Staatsanwaltschaft kommt die Handlungskette, die letztendlich in einer Ersatzfreiheitsstrafe münden kann, gar nicht in Gang.

Die BVG teilt dazu nur mit, diese Frage müssten Justiz, Politik und Verbände beantworten, "bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns als öffentliches Unternehmen nicht zu diesen politischen Forderungen äußern." Eine Strafanzeige erfolge bei der BVG aber erst im dritten Wiederholungsfall innerhalb eines Jahres. Im Jahr 2025 sei das in 3.400 Fälle passiert, ein Jahr zuvor noch rund 1.600.

Steht eine Löschung aus dem App-Store bevor?

Die Betreiber von "Freifahren" wollen ihre App deshalb auch als Aufruf zum Handeln verstanden wissen. Solange die Verkehrsbetriebe Strafanzeige stellten, wollen sie ihren Dienst weiterbetreiben. Das Ziel sei, dass wegen aus Geldnot unbezahlter Ticket-Strafen niemand mehr ins Gefängnis müsse. Im besten Fall solle die App überflüssig werden, sagt Johan Trieloff.

Nun droht möglicherweise zumindest im App-Store von Apple das Aus. Die iPhone-Nutzer begrüßt derzeit ein Banner, auf dem es heißt, Apple könnte die App in den nächsten Tagen aus dem Store entfernen, man möge stattdessen die Web-App nutzen. Apple verweist auf Anfrage auf die App-Entwickler und seine eigenen Richtlinien. Wenn die App diesen entspreche, gebe es keinen Grund sie zu entfernen, so die Pressestelle.

In den Richtlinien des App-Stores heißt es zwar, Apps, die zu kriminellen oder eindeutig leichtsinnigem Verhalten aufforderten oder dieses förderten, würden abgelehnt, die App wurde aber bereits vor längerem im App-Store zugelassen und dürfte diese Prüfung damit überstanden haben.

Zudem gibt es eine weitere App mit ähnlichem Inhalt im App-Store und auch Blitzer-Apps, die Autofahrer, die zu schnell unterwegs sind vor Blitzern warnen, sind dort zu finden. Die rechtliche Lage scheint also mindestens uneindeutig zu sein.

Trieloff sagte der "taz", man habe sich versichert, dass es zumindest wenig Spielraum für Klagen der Verkehrsbetriebe gebe. Zum Banner bezüglich einer bevorstehenden Löschung teilt er auf rbb-Nachfrage mit, der Grund sei ihm nicht eindeutig klar, es stehe aber fest, dass die App entfernt werde.

Junger Mann in Gefängniszelle zeigt Geldscheine und Mahnungen, im Hintergrund vergittertes Fenster mit vorbeifahrender U-Bahn – rbb24 Reportage über Schwarzfahren und Haft
rbb24 Reportage, 05.05.2026 Fürs Schwarzfahren ins Gefängnis?

Junger Mann in Gefängniszelle zeigt Geldscheine und Mahnungen, im Hintergrund vergittertes Fenster mit vorbeifahrender U-Bahn – rbb24 Reportage über Schwarzfahren und Haft

Mit Informationen von Olga Patlan

Sendung: rbb|24, 13.08.2026, 18:48 Uhr
Video: rbb|24, 13.08.2026, Olga Patlan

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