Sicherheitsleine bei Autismus: Expertin erklärt, warum sie mehr Freiheit gibt

Ein fünfjähriger Bub mit Autismus und ADHS wird mit einer Sicherheitsleine fixiert. Was auf den ersten Blick wie eine Einschränkung aussehe, erlaube dem Buben in Wirklichkeit mehr Freiheit, sagt Manuela Dalle Carbonare.

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Sicherheitsleine bei Autismus: Expertin erklärt, warum sie mehr Freiheit gibt

Publiziert13. Juli 2026, 16:27

Expertin erklärt«Alternative zur Leine: Kind erst gar nicht nach draussen lassen»

Ein fünfjähriger Bub mit Autismus und ADHS wird mit einer Sicherheitsleine fixiert. Was auf den ersten Blick wie eine Einschränkung aussehe, erlaube dem Buben in Wirklichkeit mehr Freiheit, sagt Manuela Dalle Carbonare.

Daniel Graf

Jan Janssen

Darum gehts

  • Bilder eines fünfjährigen Bubens, der aufgrund seiner Beeinträchtigung von den Betreuungspersonen an einer Leine geführt wird, sorgen für Empörung.
  • Tatsächlich dient die Massnahme dazu, dem Kind überhaupt Freigang zu ermöglichen, also mehr individuelle Freiheit zu gewähren, sagt Manuela Dalle Carbonare.
  • Die Alternative wäre, das Kind aus Sicherheitsgründen gar nicht nach draussen zu lassen, erklärt die Direktorin der Nathalie Stiftung.

Eine Aargauer Mutter kritisiert eine Institution, die ihren fünfjährigen Sohn mit ADHS und Autismus an einer Sicherheitsleine fixiert. Die Einrichtung spricht von einer Ausnahme bei Selbst- oder Fremdgefährdung. Manuela Dalle Carbonare, Direktorin der Nathalie Stiftung, eines Kompetenzzentrums für Menschen mit Störungen im Autismus-Spektrum, erklärt, was das heisst.

Was halten Sie davon, dass ein Fünfjähriger mit einer Sicherheitsleine fixiert wird?

Manuela Dalle Carbonare*: Im Umgang mit Kindern mit Autismus ist erst einmal wichtig zu wissen: Jemand hat nicht einfach Autismus oder nicht, sondern es ist eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS), es gibt also diverse Ausprägungen in diesem Spektrum, die unterschiedliche pädagogische Massnahmen erfordern. Unter anderem geht es auch um die Frage, wie das Kind seine Umwelt wahrnimmt und wie es diese aufgrund seiner kognitiven Fähigkeiten interpretieren und darauf reagieren kann.

«Wenn einem Kind etwas passiert, trägt die Einrichtung die volle Verantwortung. Die Leine kann eine Möglichkeit sein, dem Kind eine gewisse Freiheit zu geben.»

Manuela Dalle Carbonare, Direktorin Nathalie Stiftung

Was bedeutet das für die kognitiven Fähigkeiten des Kindes?

Wenn ein autistisches Kind auf die Strasse rennt, ist ihm unter Umständen nicht klar, was für Gefahren da lauern. Es kann vielleicht die Tragweite seines Handelns nicht abschätzen. Oft sind autistische Kinder sehr technikaffin. Wenn man mit ihnen unterwegs ist und sie sehen beispielsweise einen Zug, müssen sie sofort dahin rennen. Wenn ihnen dann etwas passiert, trägt die Einrichtung die volle Verantwortung. Insofern kann eine Sicherheitsleine sogar eine Möglichkeit sein, dem Kind eine gewisse Freiheit zu geben und trotzdem den Sicherheitsaspekt nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie meinen Sie das?

Die Alternative zu einer Sicherheitsleine wäre, das Kind gar nicht erst nach draussen zu lassen. Eine Leine kann 50 Zentimeter lang und stets gestrafft sein, das ermöglicht viel Kontrolle und wenig Freiraum. Oder sie kann einen Radius von drei Metern haben, was dem Kind bewusst Freiheiten und Entscheidungsmöglichkeiten gibt, gleichzeitig aber eine gewisse Kontrolle ermöglicht. Oft beginnt man mit einer relativ kurzen Leine, um Vertrauen aufzubauen. Sobald das Vertrauen in die Fähigkeiten des Kindes wächst, aber auch das Kind Vertrauen in sein Handeln aufbaut, kann man auch die Leine verlängern, ähnlich wie bei einem Laufgitter für Kleinkinder.

«Ihre zweijährige Tochter lassen Sie auch nicht alleine der Strasse entlang laufen, sondern nehmen sie bei der Hand. Das ist auch sehr einschränkend.»

Manuela Dalle Carbonare, Direktorin Nathalie Stiftung

Die Massnahme wirkt also nur auf den ersten Blick wie eine Freiheitsbeschränkung?

Nein, es ist eine bewegungseinschränkende Massnahme, die zur Sicherheit des Kindes in Absprache mit den Erziehungsberechtigten erfolgt. Ihre zweijährige Tochter lassen Sie ja auch nicht alleine der Strasse entlang laufen, sondern Sie halten sie an der Hand. Das ist auch sehr einschränkend, dient aber letztlich der Sicherheit des Kindes. Wenn ein Kind mit Autismus-Spektrum-Störung eine Sicherheitsleine trägt, geschieht dies, um dem Kind Freiheit zurückzugeben – ohne gänzlich die Kontrolle abzugeben und die Sicherheit des Kindes zu riskieren. Zudem lässt sich auch nicht jedes Kind gerne anfassen. Aus Sicherheitsgründen ist auch unser Grundstück eingezäunt: Wir wollen den Kindern möglichst viel Freiheit lassen, doch wir müssen für ihre Sicherheit garantieren können. Den Schlüssel können wir dabei übrigens teils einfach stecken lassen, weil viele Kinder gar nicht verstehen, dass der Schlüssel zum Aufsperren der Tür geeignet ist.

*Manuela Dalle Carbonare ist Direktorin der Nathalie Stiftung, eines Kompetenzzentrums für Menschen mit Störungen im Autismusspektrum oder in der Wahrnehmungsorganisation.

*Manuela Dalle Carbonare ist Direktorin der Nathalie Stiftung, eines Kompetenzzentrums für Menschen mit Störungen im Autismusspektrum oder in der Wahrnehmungsorganisation.Nathalie Stiftung

Braucht es mehr Betreuungspersonal?

Eine Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie, die nicht namentlich genannt werden möchte, bezeichnet eine Eins-zu-eins-Betreuung als Idealfall. Das scheitere allerdings häufig an der Finanzierung. «Hätte man Kapazitäten für andere Massnahmen, würden diese meist auch gewählt werden. Respekt an alle Betreuerinnen und Betreuer – und an alle Eltern, die das ja auch tagtäglich machen –, die das leisten.»

Ähnlich ordnet es Elisha Jay Fringer, Geschäftsführer der Perspectiva Plus AG, ein. Ein höherer Betreuungsschlüssel könne das Risiko in vielen Fällen deutlich reduzieren. Gleichzeitig sei genügend Personal allein nicht immer die Lösung: «Es gibt einzelne Kinder, bei denen selbst eine Eins-zu-eins-Begleitung aufgrund einer extrem ausgeprägten Weglauftendenz oder einer fehlenden Gefahreneinschätzung nicht sämtliche Risiken ausschliessen kann.» Ob freiheitsbeschränkende Massnahmen überhaupt infrage kämen, müsse deshalb immer aufgrund einer individuellen Risikoanalyse entschieden werden – und erst, wenn mildere Massnahmen ausgeschöpft seien.

Daniel Graf

Daniel Graf (dgr) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er ist Leiter des Ressorts New und seit September 2023 Mitglied der Redaktionsleitung.

Jan Janssen

Jan Janssen (jjn) arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Zuerst im Ressort Zürich und seit 2025 im Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.