«Akademisches Wunderkind» tritt nach Hochstaplervorwürfen zurück

Der Cambridge-Soziologieprofessor Jason Arday wurde als Symbolfigur für sozialen Aufstieg gefeiert. Vieles an seiner Erfolgsgeschichte soll nicht stimmen. Nun tritt er ab.Zelda Biller06.08.2026, 13.40 Uhr3 Lese...

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«Akademisches Wunderkind» tritt nach Hochstaplervorwürfen zurück

Der Cambridge-Soziologieprofessor Jason Arday wurde als Symbolfigur für sozialen Aufstieg gefeiert. Vieles an seiner Erfolgsgeschichte soll nicht stimmen. Nun tritt er ab.

Zelda Biller06.08.2026, 13.40 Uhr

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Vom steilen Aufstieg zum Rücktritt: der Fall Jason Arday.

Vom steilen Aufstieg zum Rücktritt: der Fall Jason Arday.

PD

Das ging schnell. Jason Arday, der jüngste schwarze Cambridge-Professor mit der märchenhaften Aufstiegsgeschichte, ist zurückgetreten. Der Grund: Ihm wurde von verschiedenen Seiten vorgeworfen, plagiiert und seinen Lebenslauf mit erfundenen Geschichten ausgeschmückt zu haben.

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Vor einer Woche noch stritt Arday alles ab. Seine Universität nahm ihn in Schutz, weigerte sich, den Fall zu untersuchen und sprach von einer «niederträchtigen Kampagne». Mittwochabend hiess es dann in einer offiziellen Erklärung von Cambridge, dass nun doch Untersuchungen bezüglich Ardays Qualifikationen und beruflichen Werdegangs eingeleitet würden. Parallel dazu verkündete Arday, er werde sich zurückziehen, um «dieses Kapitel abzuschliessen». «Die unerbittlichen Anschuldigungen, Spekulationen und öffentlichen Kommentare» hätten ihn und seine Liebsten «zutiefst belastet».

30 Marathons in 35 Tagen, Millionenspenden und ein Schweinekopf

Was genau ist passiert? Zu Jason Ardays akademischer Erfolgsgeschichte gehörte immer auch die von ihm beinahe gebetsmühlenartig erzählte persönliche Erfolgsgeschichte: Der in einer Londoner Sozialsiedlung aufgewachsene Sohn ghanaischer Einwanderer leidet, wie er sagt, an Autismus und an einer Entwicklungsstörung, die dafür verantwortlich sei, dass er erst mit 11 habe sprechen und mit 18 lesen und schreiben können. Trotzdem hat er es geschafft, mit 37 Jahren zum Professor für Bildungssoziologie an einer der berühmtesten Universitäten Englands ernannt zu werden.

Nicht nur das. Arday rühmte sich immer wieder mit aussergewöhnlichen Leistungen und Geschichten: Er sei sechshundert Meilen in sechs Tagen und dreissig Marathons in fünfunddreissig Tagen gelaufen, behauptete er. Einen davon inklusive eines epileptischen Anfall und einer Knochenfissur. Er habe ausserdem über mehrere Jahre hinweg 5 Millionen Pfund für wohltätige Zwecke gesammelt, könne den Namen der Spendengruppe aus rechtlichen Gründen aber leider nicht nennen. Einmal sagte Arday, er sei in einer bekannten Fernsehserie aufgetreten. Das Problem: Diese Serie wurde Jahrzehnte vor seiner Geburt ausgestrahlt.

Von der in Ardays Lebenslauf angegebenen Gastprofessur an der Ohio State University ist dort bislang nichts bekannt. Auch die von Arday geschilderten Vorfälle physischer Einschüchterung lassen sich nicht belegen: Von dem vor der Tür seiner Eltern abgelegten Schweinekopf hat die Polizei, bei der der Fall angeblich gemeldet wurde, nichts gehört. Und der maskierte Mann mit Messer auf dem Uni-Gelände ist auf keiner Überwachungskamera zu sehen.

Das Ende einer Symbolfigur

Plagiatsvorwürfe gegen Arday gab es in den letzten Jahren immer wieder. Sie wurden von dem Experten für Rassismus im Bildungssystem und seinen Unterstützern als rechte Schmierenkampagne abgetan. Erst nachdem der «Telegraph» Ende Juli berichtet hatte, dass über hundert Passagen in Ardays Doktorarbeit fast identisch mit einer sechs Jahre zuvor erschienenen Diplomarbeit seien, und wenige Tage später eine detaillierte Recherche zu Ardays Schilderungen im «Guardian» erschien, entwickelte sich die Angelegenheit zu einem absurden Hochstaplerfall, für den sich eine breitere Öffentlichkeit interessierte. Als ein in der Sache schon länger recherchierender Journalist der «Times Higher Education» dann auch noch bekanntgab, dass die Polizei ihn gebeten habe, Arday nicht mehr zu kontaktieren, um dessen psychische Gesundheit zu schützen, war das der Höhepunkt einer ohnehin schon bizarren Geschichte.

Ob Jason Arday, dessen Memoiren nächste Woche erscheinen sollten, ein pathologischer Lügner ist? Diese Diagnose hat der einst als akademisches Wunderkind gefeierte Soziologe bisher jedenfalls nicht erwähnt. Fest steht: Arday versteht seinen Rücktritt nicht als Ende, sondern als Pause. «Ich brauche Zeit, um einfach wieder ich selbst zu sein. Und wenn diese Zeit gekommen ist, werde ich zurückkehren», heisst es nicht ohne Ironie in seiner Erklärung. Ob es dazu noch kommen wird? Unwahrscheinlich. Die wichtigere Frage ist, ob der Fall Arday und die sich darin widerspiegelnde, ursprünglich gut 
gemeinte Förderung von Minderheiten genau diesen Minderheiten am Ende geschadet haben.

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