„90.000 Ärzte gehen in den Ruhestand“: Kann Telemedizin die drohende Versorgungslücke schließen?

Zu teuer, zu langsam, zu kompliziert: Unternehmer und Autor Manuel Nothelfer will das deutsche Gesundheitssystem neu denken. Sein Lösungsansatz: Weniger Wartezimmer, mehr Digitalisierung.

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„90.000 Ärzte gehen in den Ruhestand“: Kann Telemedizin die drohende Versorgungslücke schließen?

Das deutsche Gesundheitssystem wird immer teurer, doch für Patienten wird die Versorgung nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ärzte fehlen, Termine sind knapp, Wartezeiten lang. Gleichzeitig steigen die Ausgaben Jahr für Jahr. Seit Jahren folgt deshalb eine Reformdebatte auf die nächste. Nur an den grundlegenden Strukturen ändert sich wenig.

Manuel Nothelfer glaubt, dass genau dort das Problem liegt. Der Unternehmer und Wirtschaftswissenschaftler gründete vor acht Jahren gemeinsam mit Nico Hribernik die Wellster Healthtech Group, die telemedizinische Gesundheitsangebote entwickelt und anbietet.

In seinem Buch „Endstation Wartezimmer“ stellt Nothelfer deshalb eine grundsätzlichere Frage: Ist das deutsche Gesundheitssystem überhaupt noch so organisiert, wie es Patienten heute brauchen? Im Interview mit dieser Zeitung erklärt er, warum mehr Geld allein die Probleme nicht lösen wird, welche Rolle Telemedizin spielen kann und weshalb sich die Gesundheitsversorgung in Deutschland grundlegend verändern muss.

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Über die Probleme des deutschen Gesundheitssystems ist nahezu alles gesagt. Warum braucht es Ihr Buch trotzdem und was haben andere bislang übersehen?

Man redet immer von Strukturveränderungen, die alle wollen, aber bitte nicht im eigenen Bereich. Im Gesundheitswesen herrscht eine Selbstverwaltung von Ärzten, Apotheken, Krankenversicherungen und anderen Akteuren. Dadurch wird häufig aus der jeweiligen Leistungserbringerperspektive auf das System geschaut. Das Buch dreht diese Perspektive um und fragt, wie sich das Versorgungssystem für den Patienten darstellt: Warum geht er etwa in die Notaufnahme, obwohl er gar keinen Notfall hat? Wie viele Arztkontakte sind tatsächlich notwendig? Brauchen wir ein Primärarztprinzip? Und was braucht der Patient eigentlich wirklich?

Sie sind selbst kein Arzt. Sehen Sie darin bei der Analyse des Gesundheitssystems eher einen Nachteil oder einen Vorteil?

Ich glaube, es ist eine Kombination: Man hat einen frischen Blick und kann aus einer innovativen Grundhaltung auf das Thema schauen. Als wir bei Wellster mit unseren Professoren im Medical Board darüber diskutiert haben, wie Telemedizin aussehen soll, hieß es zunächst: „Ich muss den Patienten sehen. Wenn ich ihn anschaue, weiß ich schon, ob er ein Problem hat.“ Das stimmt wahrscheinlich zu einem gewissen Grad. Aber wenn man es auf den Kern reduziert, stellen Ärzte in der Anamnese Ja- und Nein-Fragen. Das lässt sich standardisieren. Warum muss der Arzt diese Fragen fünf Minuten lang persönlich stellen? Daraus entstand die Erkenntnis, dass man die Anamnese auch vorab durchführen kann. Das klingt banal, aber genau dort beginnen Veränderungen.

Zur Person

Photogenika Tina RiegerGud

Zur Person

Manuel Nothelfer ist Unternehmer und promovierter Wirtschaftswissenschaftler. Nach Stationen im Bankwesen und bei der ERGO gründete er 2018 die Wellster Healthtech Group, die telemedizinische Gesundheitsangebote anbietet. Zuvor hatte er mit Betreut.de ein europaweit erfolgreiches Unternehmen aufgebaut. In seinem aktuellen Buch „Endstation Wartezimmer“ beschäftigt er sich mit den Problemen des deutschen Gesundheitssystems und dem Potenzial digitaler Medizin.

Sie beschreiben ein Gesundheitssystem, das vor dem Kollaps steht. Dabei sind die Ursachen seit Jahren bekannt: Ärzte gehen in großer Zahl in den Ruhestand, der Zugang zum Medizinstudium bleibt stark begrenzt, Bürokratie bindet Ressourcen und bei der Digitalisierung hinkt Deutschland hinterher. Warum hat die Politik Ihrer Meinung nach sehenden Auges zugelassen, dass sich diese Probleme immer weiter verschärfen?

Es wäre zu banal zu sagen: Wir müssen diese eine Sache ändern, und dann ist alles gut. In den vergangenen Jahren hatten wir den Luxus, dass ausreichend Geld im Gesundheitssystem vorhanden war. Wenn die Wirtschaft boomt und entsprechend Sozialabgaben fließen, fällt weniger auf, wenn Geld nicht effizient eingesetzt wird. Es gibt zwar Engpässe in der Versorgung, aber noch genügend Mittel, um vieles aufzufangen. Jetzt wird das Geld knapper und entsprechend höhere Defizite entstehen. Erst wenn der Druck groß genug wird, werden Strukturreformen angedacht. Zudem würde kein Akteur freiwillig sagen: „Ich kürze bei mir und nicht beim anderen.“

Deshalb braucht es jemanden, der übergreifend entscheidet. Eigentlich wäre das die Politik, aber gleichzeitig ist es für die Politik schwierig, Strukturreformen anzustoßen, weil man damit Teile der Wählerschaft verprellen oder einen Shitstorm auslösen kann, wie man aktuell bei Frau Warken sieht. Hinzu kommt, dass Entscheidungen im Gesundheitswesen stärker ethisch und moralisch aufgeladen sind: Es geht um Menschenleben und um Lebensqualität. Das macht Veränderungen besonders schwierig. Deshalb denke ich, dass man Strukturreformen nicht in Wahlkampfperioden denken darf. Sondern wie soll das Gesundheitssystem in zehn oder 15 Jahren aussehen, und welche Schritte sind notwendig, um dorthin zu kommen?

Sie beschreiben die sogenannte Telemedizin als eine Art Rettungsanker des Gesundheitssystems. Können Sie konkretisieren, was genau Sie darunter verstehen: Verstehen Sie sie vor allem als Ergänzung zum bestehenden Gesundheitssystem oder streben Sie einen flächendeckenden Einsatz an, bei dem etwa Krankheitsfälle zunächst digital erfasst und nach ihrer Dringlichkeit vorsortiert werden?

Grundsätzlich geht es bei Telemedizin nicht darum, den Arzt zu ersetzen. Sie soll vielmehr unnötige Untersuchungen und Arztkontakte vermeiden und dafür sorgen, dass Ärzte auf Basis der zuvor erfassten Beschwerden besser informierte Entscheidungen treffen können. Für komplexe oder nur persönlich durchführbare Untersuchungen bleibt der direkte Arztkontakt notwendig. Telemedizin ist für mich vor allem eine Form der effizienteren Patientensteuerung. Wenn eine Patientin morgens mit einem Ziehen in der Leiste aufwacht, muss sie nicht zwangsläufig zum Arzt gehen.

Sie könnte ihre Symptome in einer Triage-App eingeben und anschließend von einem telemedizinisch ausgebildeten Arzt erfahren: „Rufen Sie sofort den Notarzt“, „Das ist nicht schlimm, ich rufe Sie gleich an und wir klären es gemeinsam“ oder „Gehen Sie zum Facharzt“. Damit wird Medizin auch für Patienten zugänglicher, denen Wege besonders schwerfallen. Auch das Argument, ältere Menschen seien nicht technikaffin, halte ich für einen Mythos. Mein Schwiegervater ist 81, von einem Schlaganfall halbseitig stark eingeschränkt und trotzdem erledigt er alles mit der linken Hand über sein Smartphone. Telemedizin kann Medizin deshalb sogar ein Stück weit menschlicher und näher machen.

Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin warnt allerdings, dass digitale Zugangs- und Triagesysteme gerade ältere Menschen, Personen mit kognitiven Einschränkungen oder Sprachbarrieren benachteiligen könnten. Unterschätzen Sie dieses Problem?

Für mich sind viele dieser Bedenken polemisch vorgeschobene Argumente. Das sieht man in politischen Diskussionen immer wieder: Es wird ein einzelner Fall herausgegriffen und gesagt, dass es in diesem speziellen Fall nicht funktionieren oder sogar unmenschlich wäre. Das kann stimmen, bedeutet aber nicht, dass man dieselbe Lösung nicht für die anderen 99 oder 94 Prozent nutzen kann. Diese Menschen sollen selbstverständlich weiterhin ihren bisherigen Weg gehen können. Aber wenn 20, 40 oder 80 Prozent der Patienten Telemedizin nutzen, werden auch die Wartezimmer leerer. Es geht nicht um Zwang und auch nicht um ein Entweder-oder, sondern darum, zusätzliche Möglichkeiten zu schaffen. Im besten Fall schlägt sich das am Ende auch in geringeren Kosten nieder.

Durch Telemedizin könnten sich Wartezimmer zukünftig leeren und es könnte mehr Zeit für den direkten Patientenkontakt entstehen.

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© IMAGO

Sie hatten ja eingangs gesagt, dass telemedizinisch ausgebildete Personen diese Vorsortierung vornehmen sollten, aber waren auch auf Robotik und damit ja quasi auch auf KI eingegangen. Wenn wir von diesen Techniken sprechen, wie viel Verantwortung der initialen Einschätzung sollte an so ein digitales System übertragen werden?

Wir wissen heute nicht, was wann und wie funktionieren wird. Deshalb sollten wir mit der digitalen Erfassung beginnen und zunächst echte Menschen die Entscheidungen treffen lassen. Dafür braucht es klare Sicherheitsmechanismen und Qualitätsprüfungen. Wenn irgendwann KI diese Steuerung übernehmen kann, muss auch sie entsprechende Prüfungen durchlaufen, bevor sie eingesetzt wird.

Ob wir in Zukunft von KI-Ärzten behandelt werden? Das lässt sich heute seriös nicht beantworten. Aber dass KI eine Rolle im Gesundheitswesen spielen wird, ist unvermeidbar. In den kommenden Jahren gehen etwa 90.000 Ärzte in den Ruhestand. Gleichzeitig zeichnet sich ein Versorgungsproblem ab. Wir können die Augen davor verschließen und hoffen, dass es nicht kommt, aber es wird kommen. Die entscheidende Frage ist deshalb, wie wir damit umgehen.

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Gesundheitsreform

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Sie schreiben, Menschen auf dem Land dürften bei der medizinischen Versorgung nicht länger „Bittsteller“ sein. Besteht nicht die Gefahr, dass Telemedizin am Ende vor allem dazu dient, den Abbau der ärztlichen Versorgung auf dem Land zu kompensieren, statt wieder für ausreichend Ärzte vor Ort zu sorgen? Und könnte das auch zu einer Art Zwei-Klassen-Medizin führen?

Es ist nicht schwarz-weiß. Es geht nicht darum, alles zu digitalisieren und niemandem mehr einen lokalen Arztbesuch zu ermöglichen. Wir haben bereits gute Anreize, etwa Studienplätze für Ärzte zu fördern, die sich verpflichten, für mehrere Jahre in ländlichen Regionen zu arbeiten. Solche Maßnahmen sollte es weiterhin geben. Die entscheidende Frage ist: Was passiert, wenn kein Arzt verfügbar ist? Heute haben wir die Wahl, einen Arzt vor Ort aufzusuchen. Wenn es keinen gibt, haben wir diese Wahl nicht mehr. Telemedizin kann hier eine zusätzliche Option schaffen. Hausärzte haben derzeit im Schnitt nur etwa sieben Minuten für den Patientenkontakt. Frage ist also: Wo soll das hinführen, wenn künftig vielleicht nur noch drei oder vier Minuten pro Patient zur Verfügung stehen?

Sie schreiben, Gesundheitsdaten könnten Leben retten, wenn sie sinnvoll genutzt werden. Gleichzeitig gehören sie zu den sensibelsten persönlichen Daten überhaupt. Wie groß ist die Gefahr, dass ihre umfassende Nutzung auch neue Möglichkeiten für Missbrauch schafft?

Natürlich kann es Datenlecks geben, gerade bei Gesundheitsdaten ist Datenschutz ein wichtiges Thema. Gleichzeitig sind digitale Daten nicht zwangsläufig unsicherer als analoge Akten, die in Arztpraxen teilweise offen auf dem Tresen liegen. Zwei-Faktor-Authentifizierung und verbindliche Prüf- und Zertifizierungsstandards können einen sehr hohen Schutz gewährleisten. Außerdem müssen Datenschutz und Versorgungssicherheit gegeneinander abgewogen werden.

Wenn Patienten ihre Daten nicht freigeben, können im Notfall wichtige Informationen fehlen und eine schnelle Behandlung erschwert werden. Ein zugespitztes Beispiel: Was ist im Zweifel das größere Risiko – dass Daten bei einem Cyberangriff abgegriffen werden oder dass ich einen Herzinfarkt bekomme, weil ich vergessen habe zu erwähnen, dass ich ein bestimmtes Medikament nehme und dadurch eine gefährliche Wechselwirkung übersehen wird? Wir sollten nicht darüber diskutieren, ob Digitalisierung grundsätzlich zugelassen werden darf, sondern wie wir sie sicher und sinnvoll gestalten.

Digitalisierung in der Medizin kann es leichter machen, komplexe Krankheiten zu erkennen und frühzeitig zu behandeln.

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© Sebastian Kahnert/dpa/dpa-tmn

Und wer sollte darüber entscheiden, welche Daten zusammengeführt werden dürfen: der Patient selbst, der Staat oder eine unabhängige Stelle?

Die Verordnung zum European Health Data Space (EHDS) sieht bereits vor, dass es eine Stelle geben soll, die diese Datenhoheit übernimmt. Meines Wissens ist allerdings noch nicht entschieden, welche Stelle das sein wird. Ich hoffe, dass es eine unabhängige, stiftungsähnlich organisierte Institution wird, in der Krankenkassen, Ärzte, Apotheker und andere Akteure des Gesundheitswesens vertreten sind. Dabei muss nicht jeder auf alle Daten zugreifen können.

Ein forschendes Pharmaunternehmen braucht beispielsweise keinen Klarnamen, sondern nur die Daten, die für die jeweilige Forschung relevant sind. Für einen behandelnden Arzt wiederum können die Krankengeschichte und aktuelle Blutwerte entscheidend sein. Es braucht also klare Zugriffslogiken, die sich am jeweiligen berechtigten Interesse orientieren. Das Grundprinzip ist auf europäischer Ebene bereits festgelegt. Die entscheidende Frage ist nun, ob wir in Deutschland in der Lage sind, dieses System sinnvoll umzusetzen.

Sie schreiben, Deutschland habe die technologischen Möglichkeiten längst, komme aber unter anderem wegen der fragmentierten Strukturen trotzdem nicht voran. Was müsste sich politisch ändern, damit aus den vielen einzelnen digitalen Lösungen endlich ein funktionierendes Gesamtsystem wird?

Für mich sind es mehrere Punkte. Der erste sind Grenzen und Vergütung: Wenn man die Ärzte entsprechend anregt, werden sie selbst sehr genau wissen, wo Zeit verloren geht und wie sie das System besser nutzen können. Der zweite Punkt ist die digitale Infrastruktur. Der Dachverband der Kassenärztlichen Vereinigungen wurde mit der Entwicklung eines Triage-Tools beauftragt. Ich frage mich, warum das nicht der Wettbewerb übernehmen sollte. Anbieter von Praxissoftware bringen die entsprechende digitale Kompetenz mit und könnten durch Wettbewerb Innovation schaffen.

Daneben braucht es die Krankenversicherungen und die Politik. Ich glaube, dass dort zu stark in Wahlperioden gedacht wird: Der politische Wille ist zwar da, aber sobald der Gegenwind einzelner Wählergruppen spürbar wird, wird es schwierig, Innovationen durchzusetzen. Ähnlich wie bei den Klimazielen sollten wir klar definieren, wie unsere Gesundheitsversorgung künftig aussehen soll und nicht immer nur über Kosten, Einnahmen und Ausgaben sprechen. Wir sollten weniger über Nebenkriegsschauplätze diskutieren und anfangen.

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