400 Jahre Reeperbahn: Zwischen Sex, Ballermann und Kiez-Mythos

Die Reeperbahn ist heute mehr Touristenattraktion als gefährliches Rotlichtviertel. Den Rhythmus der Hamburger Nächte bestimmt sie allemal. Autor:  ...

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400 Jahre Reeperbahn: Zwischen Sex, Ballermann und Kiez-Mythos

Die Reeperbahn ist heute mehr Touristenattraktion als gefährliches Rotlichtviertel. Den Rhythmus der Hamburger Nächte bestimmt sie allemal.

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02.08.2026, 16:49

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Die Seeleute machten die Reeperbahn zur «sündigsten Meile», die Seh-Leute machen sie zum Ballermann. Über 30‘000 Menschen stromern an einem Sommer-Wochenende durch das knapp zwei Quadratkilometer grosse Viertel von St. Pauli.

Der Kiez erfindet sich neu

Der Wandel ist an der Reeperbahn seit 1626 eine Konstante. Ihren Namen verdankt sie den Reepschlägern, welche lange Taue für die Takelagen der Segelschiffe drehten. Als die Stadt Hamburg einen Schutzwall baute, wurden die langen Bahnen für die Herstellung der Seile in die Vorstadt Hamburger Berg verlegt, ins heutige Quartier St. Pauli.

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  • Bild 1 von 5. Die Reeperbahn: Aus einer «sündigen Meile» wird innerhalb von 400 Jahren eine Touristenattraktion.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Grosses rotes Herz vor einem alten roten Backsteingebäude mit der Aufschrift 'Polizei'.
  • Bild 2 von 5. Die Davidwache ist das bekannteste Polizeirevier der Hansestadt.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Historisches Gebäude mit Polizeiautos davor, daneben ein Theater.
  • Bild 3 von 5. Im berühmt-berüchtigten Kiez reihen sich bekannte Kneipen ….

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Aussenansicht eines Gebäudes mit einem Schild von «Elbschlosskeller» an einer belebten Strasse.
  • Bild 4 von 5. … an berüchtigten Museen, die zur Touristenattraktion wurden ….

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Raum mit einer schwarzen Couch und mehreren gerahmten Bildern an der Wand.
  • Bild 5 von 5. … und an Bordellstrassen wie der Herbertstrasse, wo der Eintritt nur älteren Männern gewährt wird und die Prostituierten in sogenannten Koberfenstern (Schaufenstern) stehen.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Rote Tür mit zahlreichen Stickern und einem grossen Warnschild in der Mitte.

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Zu den Handwerkern, Hafenarbeitern und Matrosen gesellten sich ab dem 18. Jahrhundert Gaukler und Schausteller. Bald genossen auch die feinen Hanseaten den Blick von Hamburger Berg auf die Elbe, und vergnügten sich in Spielbuden, Ballhäusern, Kneipen und Bordellen. Über die Jahrzehnte entstand um die nur gerade 930 Meter lange Reeperbahn ein schillerndes Viertel des Amüsements ausserhalb strenger Regeln.

Josephine Baker im Penny-Markt

Eva Decker liebt als Kiez-Historikerin die grossen und kleinen Geschichten der Reeperbahn. Zum Beispiel vom Variété «Alcazar», das sich einst im Discounter Penny befand, und wo in den Goldenen Zwanzigern eine weitgehend textilbefreite Josephine Baker Charleston tanzte.

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  • Bild 1 von 4. Kiez-Historikerin Eva Decker weiss, wie es an der Reeperbahn zu- und herging und geht.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Person in gestreiftem Oberteil hält ein Bild in einer gepflasterten Strasse mit Graffiti.
  • Bild 2 von 4. In Harrys Friseur-Salon soll den Beatles die Pilzkopf-Frisur verpasst worden sein.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Strassenszene mit Friseursalon, Dönerladen und fotografierenden Personen.
  • Bild 3 von 4. Einst war es ein Varieté heute ist es ein Discounter. Im damaligen «Alcazar» tanzte Josephine Baker frivol den Charleston.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Menschen stehen vor einem rot dekorierten Laden mit Schildern.
  • Bild 4 von 4. Leider mussten zahlreiche Kultkneipen wie das Lehmitz aufgeben. Die Mieten im Kiez wurden den Geschäften und Kneipen zu hoch.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Neon-Leuchtschild umgeben von gerahmten Fotos an einer Wand.

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Oder wie Friseur Harry in den 60er-Jahren den Beatles die legendären Pilzköpfe verpasst hat. Doch auch dieser Laden ist seit letzter Woche Geschichte. Wie so manche Kultkneipe und so manch besonderes Geschäft im Kiez macht er dicht, weil die Miete drastisch angehoben wurde.

Das besondere Normale

Dönerbuden, Kioske, Luxuswohnungen, Hotels: Die Gentrifizierung verändert den Kiez-Charakter. «Das Besondere war auf dem Kiez normal. Wenn das Normale aber zum Besonderen wird, beginnt der Ausverkauf», philosophiert Götz «White Dandy» Barner.

Den Spitznamen verdankt er dem bodenlangen weissen Fellmantel, den er aus New York mitgebracht hatte. Hier gründete der ausgebildete evangelische Diakon die erste Schwulen-WG, war Bühnenschauspieler und Schmuckdesigner.

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  • Bild 1 von 5. Und dennoch: Die Reeperbahn bleibt ein Rotlichtviertel ….

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Nächtliche Strassenszene mit rotem Neonlicht und Personen.
  • Bild 2 von 5. … mit viel käuflicher Erotik ….

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Neonschild in einer Gasse, das für einen Klub mit lila und rosa Lichtern wirbt.
  • Bild 3 von 5. … nicht ganz alltäglichen Geschäften ….

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Stadtansicht mit Schild einer Tätowierstube und grauer Fassade.
  • Bild 4 von 5. ... Originalen wie dem «Tattoo-Man» Marco Apfler und ….

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Person mit umfassenden Körper- und Gesichtstätowierungen in einem Raum mit Neonlicht und gerahmten Fotos an der Wand.
  • Bild 5 von 5. … und viel Skurrilem.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Zwei kleine Hunde in Kleidern auf dem Bürgersteig neben einer Person.

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Der Kiez als Raum für neue Lebensentwürfe. Auch für Eike «Peaky Blinder» Griesbach. Er führt Touristen durch die – historisch nicht verbrieften – Schmugglertunnel von St. Pauli. Das tut er stilecht, im Nadelstreifenanzug und mit Schiebermütze, eben als «Peaky Blinder», Mitglied der berühmt-berüchtigten Schmugglergang aus dem Birmingham der 1920er-Jahre. Es ist die Rolle seines Lebens. Drogenabhängig und obdachlos, hat er sich dank guter Kumpels an der Reeperbahn aus der Abwärtsspirale herausgearbeitet.

Vom Paradiesvogel zum Tourguide

Als Symbol des Wandels vom gefährlichen Rotlichtviertel hin zu einer touristischen Attraktion gilt Karl-Heinz «Kalle» Schwensen. Seine Verbindungen ins Milieu sind Legende, sein Charme mit einem Hauch von Ruch auch. «Hier können 53 Personen gleichzeitig an Händen und Füssen gefesselt sein – und sie stehen sich nicht mal im Weg.» Das maliziöse Lächeln des 72-Jährigen lässt sich hinter dem dicken Schnauz und der dunklen Sonnenbrille nur erahnen.

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  • Bild 1 von 3. Die Reeperbahn ist eine Art Spielwiese für viele, wie zum Beispiel für «Peaky Blinder» Eike Griesbach, der den Touristen die vestecken Ecken zeigt.

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Mann in Anzug mit Mütze vor unscharfem Hintergrund.
  • Bild 2 von 3. Exzentriker wie Karl-Heinz «Kalle» Schwensen dürfen an der Reeperbahn ihre Art ausleben und ...

    Bildquelle: SRF/Alexandra Gubser.

    Person mit Sonnenbrille und Schnurrbart vor einem Metallgitter in beleuchtetem Raum.
  • Bild 3 von 3. ... den ältesten Sadomaso-Club Deutschlands, den Club de Sade, betreiben.

    Bildquelle: den Club de Sade.

    Raum mit mittelalterlichen Foltergeräten und Ziegelmauern.

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«Kalle» betreibt einen der ältesten Sadomaso-Klubs Europas, den «Club de Sade». Für jene, die sich schmerzlos und keimfrei gruseln wollen, bietet er Führungen durchs mittelalterliche Verlies. Auch der exzentrische Lebemann der Reeperbahn geht mit der Zeit.

10vor10, 31.7.2026, 21:50 Uhr;liea