150 Jahre „Götterdämmerung“ – Die Welt strahlt in Des-Dur
StartseiteKulturTheaterStand: 16.08.2026, 17:21 UhrKommentareUns auf Google folgenWalhall brennt ... Finale im Uraufführungsbühnenbild von Joseph Hoffmann. © Artokoloro/Imago ImagesRichard Wagners „Götterdämmer...
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Stand: 16.08.2026, 17:21 Uhr
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Richard Wagners „Götterdämmerung“ 150 Jahre nach der Uraufführung bei den ersten Bayreuther Festspielen.
Am 17. August 1876 hatte in Bayreuth Wagners „Götterdämmerung“ Weltpremiere. Wir wissen nicht, wie die Musik von Richard Wagner (1813–1883) damals klang. Es gab ja noch keine Wagnersänger. Also ähnlich wie heute, da der Heldentenor ausgestorben scheint. Er ist es nicht nur stimmlich. Auch der mit einem Schwert den Weltenbau zerschlagende, Testosteron gesteuerte „richtige Kerl“ scheint mal wieder gründlich aus der Mode gekommen.
Der Siegfried des „Ring des Nibelungen“ mag sich so in unserem Bewusstsein bewegen. Aber das ist eben, so richtig es einerseits ist, andererseits auch falsch. So wenig Wagners Hang zum Monumentalen, zu den alles Vorherige übertreffenden Muskelspielen zu übersehen ist, so ist doch ebenso beeindruckend seine Liebe zum intimen Detail, zum Flüstern, ja zum Schweigen.
Kraftmeierei, wer hätte das gedacht, lag ihm fern
Die Welt, in der meine Generation (Jahrgang 1946) Wagner und ihre Liebe zu ihm entdeckte, war die Welt mächtiger Stimmen – zum Beispiel Wolfgang Windgassen oder Birgit Nilsson. In immer neuen Kraftakten bewiesen sie, dass sie es auch mit den größten Orchestern aufnehmen konnten. Ein Wettkampf, der, wie ich heute weiß, Wagner fern lag.
Dominik Frank arbeitet an der Universität Bayreuth am Forschungsinstitut für Musiktheater darüber, wie Wagners Musik zu seiner Zeit geklungen haben mag. Er beriet auch Kent Nagano und das Ensemble Concerto Köln beim Versuch, Wagners „Ring“ historisch informiert aufzuführen. In den „Historischen Aufnahmen“ des Deutschlandfunks erklärt Dominik Frank, was die damaligen von den heutigen Praktiken radikal unterscheidet. Da sind zunächst die „Wagnerstimmen“, die es damals noch nicht gab, noch nicht geben konnte. Die Instrumente sind heute technisch brillanter. Stahlsaiten sind klarer, heller als Darmsaiten.
Und dann ist da noch die Umstellung auf den neuen Kammerton A. Er liegt heute bei 442 Hertz (442 Doppelschwingungen pro Sekunde). Zu Wagners Zeit ging man von 435 Hertz aus. Das war ein deutlich weicherer Klang. Die scharfe Brillanz, der wir heute anhängen, war nicht Wagners Ideal.
Die Berliner Philharmoniker arbeiteten unter Karajan mit 445 Hertz. Giuseppe Verdi (1813–1901) hatte sich übrigens für 432 eingesetzt. Der Wikipedia-Artikel zur verwirrenden Geschichte des Kammertons A erinnert daran, dass die Wagner-Sängerinnen Waltraud Meier (geboren 1956) und Birgit Nilsson (1918–2005) sich wiederholt für eine Reduktion der Tonhöhe des Kammertons einsetzten. Der Artikel zitiert auch Richard Strauss (1864–1949), der 1942 schrieb: „Die hohe Stimmung unserer Orchester wird immer unerträglicher. Es ist doch unmöglich, dass eine arme Sängerin A-Dur-Koloraturen, die ich Esel schon an der äußersten Höhengrenze geschrieben habe, in H-Dur herausquetschen soll … .“
Zuerst also müsste man runter mit dem Kammerton. Dann natürlich auch zurück zu Instrumenten, die weicher, sanfter klingen. Schwieriger und ungleich fordernder wäre eine Umstellung des Gesangs. Wagner schwebte wohl etwas vor, das näher an der gesprochenen Sprache war. Wir merken das heute noch, wenn Brünnhilde aus einem fast gesprochenen Text plötzlich in die höchsten Töne ausbricht. Uns irritiert das, also singt die Sängerin. So haben wir es nicht mehr mit einem Ausbruch, sondern mit einer Steigerung zu tun.
Ich habe den Verdacht, dass wir uns da eines typischen Wagnereffekts berauben. Der allerdings bei einer tieferen Frequenz von Stimmen und Orchester auch nicht so radikal gewirkt hatte, wie er es heute in unserer hochgepitchten Brillanz tut. Wagners Forderung nach einer „unendlichen Musik“ haben wir möglicherweise missverstanden, als wir uns fast ganz auf die Seite des Gesanges schlugen. Die Sprache gehört schließlich auch zur Musik. Evolutionär ist sie womöglich aus ihr hervorgegangen.

Dirigent Christian Thielemann schreibt in seinem Buch „Mein Leben mit Wagner“, dieser habe in der jahrzehntelangen Arbeit am „Ring“ „kein Orchester zur Hand“ gehabt. „Alles spielte nur in seinem Kopf. Als er ihn (den Ring) dann 1876 zu hören bekam, änderte er manches – und hätte sicher das eine oder das andere auch später noch gerne geändert… .“
So gesehen wird die Aufgabe noch schwieriger, Wagner zu spielen, wie er gespielt werden wollte. „Das Kunstwerk der Zukunft“ war womöglich nicht für die Instrumente seiner Gegenwart gemacht. Wie die, die ihm in dummem Spott „Zukunftsmusik“ vorwarfen, richtig sahen. Ganz sicher waren die Inszenierungen seiner Opern nicht nach seinem Geschmack. Wenn wir uns heute über Hoffmanns Bärenfell-Kostüme, über den peinlichen Realismus von Felsennischen amüsieren, dann ist das ein fernes Echo der hilflosen Wut, mit der sich Wagner der „Verwirklichung“ seiner Fantasien ausgeliefert sah. Er musste ja schon glücklich sein, dass, dank der konfliktreichen Unterstützung durch König Ludwig II von Bayern (1845–1886), sein Wahn einer 15 Stunden dauernden Tetralogie überhaupt zustande gekommen war.
Allein die „Götterdämmerung“ dauert, die Pausen nicht mitgerechnet, viereinhalb Stunden. Der „Ring“ benötigt ein Orchester mit mehr als 100 Mitgliedern, 34 Solistinnen und Solisten (plus Männer- und Frauenchor). Dazu bekam Wagner ein eigenes Opernhaus mit versenktem Orchester. Die Uraufführung des „Rings“ war ein finanzielles Desaster. Aber Bruckner, Debussy und Saint-Saëns waren begeistert. Karl Marx hingegen, der sich 1876 auf seiner Reise nach Karlsbad über die nach Bayreuth strebenden Menschenmassen ärgerte, nannte die Festspielgäste Reisende, die sich zum „Bayreuther Narrenfest des Staatsmusikanten Wagner“ begaben.
Marx war viel zu sehr von sich und seiner eigenen Arbeit eingenommen, um zu sehen, wie nahe sich sein Opus magnum „Das Kapital“ und Wagners „Ring“ waren. Ich rede hier nicht von der Kritik des Geldwesens und den Versuchen, es zu verstehen. So sehr doch jedem, der den Ring von 1976, den von Boulez und Chéreau, gesehen hat, die Parallelen – und natürlich die Unterschiede – ins Auge springen.
Wagner, Marx und die langen Arbeitszeiten
Richard Wagner hatte sich erste Notizen zur „Götterdämmerung“, die damals noch „Siegfrieds Tod“ hieß, 1843 gemacht. Im November 1848 war er fertig mit dem Libretto. Als er beginnen wollte, die Musik dazu zu schreiben, merkte er, dass er eine Vorgeschichte brauchte. Am 16. Februar 1853 stellte er seinen Text erstmals in einer Lesung an vier Abenden im Zürcher Hotel Baur au Lac vor. Er unterbrach die Arbeit am „Ring“ und stellte fertig: „Die Meistersinger von Nürnberg“ und „Tristan und Isolde“. Im August 1872 brachte er nach fast 30 Jahren seine Nibelungen zu Ende. Karl Marx hatte 1867 den ersten Band geschafft. Fertig wurde er mit dem „Kapital“ nie. 1876 erschien übrigens eine volkstümliche Fassung von etwa 50 Seiten, geschrieben vom Anarchisten Johann Most.
Thomas Mann (1875–1955) hat in seiner unfassbar klugen Rede „Leiden und Größe Richard Wagners“ aus dem Jahre 1933 darauf hingewiesen, dass der von dem zur jungdeutschen Bewegung gehörenden Literaten Theodor Mundt (1808–1861) geprägte Begriff des „Musikdramas“ für Wagners Werk, die eigentliche Pointe Wagners verfehlt.
Mann sieht ihn als Epiker, der große Stoffe in immer größeren Wendungen entfaltet. Mit der Leitmotivtechnik haben schon die frühen Erzähler sich und ihrem Publikum auf den Basaren überall auf der Welt über die unübersehbaren Strecken, die Wege und Abwege, ihrer Geschichten geholfen. Achtzig Leitmotive hat die Wagnerforschung allein im „Ring“ gezählt.
Zur „Götterdämmerung“, wie ich sie im Kopf hatte, gehörte immer auch der „Selbstmord“ Hitlers, seiner Frau und seines Hundes im Führerbunker. Die Entschlossenheit, mit der er und große Teile der Deutschen, nachdem sie vernichtet hatten, was sie vernichten wollten, in den eigenen Untergang gingen, wurde – so mein Eindruck – genährt von Wagners „Götterdämmerung“. Die kostet ja die Vernichtung aus. Zerstörung als Genuss.
Das Alte muss weg – aber wer meint damit was?
1842 hatte der Wagner-Lebensabschnittsgefährte Michael Bakunin (1814–1876) in seinem Aufsatz „Die Reaktion in Deutschland“ geschrieben: „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!“ Nichts anderes stand am Anfang von Wagners „Götterdämmerung“. Damals in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts war gemeint: Die alte schlechte Welt muss erst ganz beseitigt werden, wenn eine gute neue Welt wahr werden soll. Die Exegeten streiten sich, was davon der „Staatsmusikant“ von 1876 noch vertrat.
Aber wer die „Götterdämmerung“ heute hört, sei es in einer „historisch informierten“ oder in einer mit 445 Hertz hochgepitchten Version, er wird merken, dass nach den letzten Worten der auf ihrem Pferd in die Flammen springenden Brünnhilde, „Selig grüßt dich dein Weib!“, der Mörder Hagen noch ein „Zurück vom Ring“ sagt. Und dann hört man nur noch das Orchester, sieht die von den Flammen gänzlich verhüllten Götter und dann erklingt am Ende das sogenannte Erlösungsmotiv. Wir hörten es nur einmal zuvor, als im dritten Akt der „Walküre“ sich Sieglinde über ihr noch ungeborenes Kind Siegfried freute.
Jetzt endet mit diesen Klängen der Weltuntergang. Es ist wohl weniger ein Erlösungsmotiv als vielmehr das von Geburt und Wiedergeburt. Es sagt uns einen neuen Tag voraus. Wer im Bombenhagel von 1944 den Weltuntergang erlebte, der konnte danach nicht nur sehen, dass das Leben weiterging. In Westdeutschland also auch in Bayreuth brach nach der Götterdämmerung des Bombenkrieges der Wohlstand aus. Die Welt strahlt in Des-Dur.