Hitze: 12.500 Tote – wie kommt das RKI auf diese Zahl?
Rund 12.500 Menschen starben laut RKI in diesem Jahr an den Folgen von Hitze. Jetzt wird es wieder heiß. Das wirft auch die Frage auf: Sollte das Grundgesetz für den Hitzeschutz geändert werden?
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In dieser Woche hat das Robert Koch-Institut seine Schätzung noch einmal nach oben korrigiert: 12.500 Menschen, so die jüngsten Daten des Instituts, hat die extreme Hitze dieses Sommers ihr Leben gekostet. Es ist eine schockierend hohe Zahl. Nach keinem Terroranschlag, keinem Unglück, keiner anderen Naturkatastrophe gab es in Deutschland in den vergangenen Jahren so viele Tote zu beklagen.
Doch auf den Totenscheinen steht nicht Hitze, in den meisten Fällen auch nicht Hitzschlag. Stattdessen sind es andere Todesursachen wie Organversagen, die vermerkt werden. Wie also ordnet das RKI die Fälle ursächlich der Hitze zu? Wie kommt diese enorme Zahl zustande?
Das Institut arbeitet mit einer statistischen Annäherung: Aus den Daten zu Todesfällen in der Vergangenheit und langfristigen Sterblichkeitstrends wird ein Modell gebaut, das – vereinfacht gesagt – abbilden soll, mit wie vielen Todesfällen in Deutschland zu rechnen wäre bei Temperaturen, mit denen Menschen gut klarkommen. Diese sogenannte Basis-Mortalität wird dann in Bezug gesetzt zu den Temperaturen. Als Hitzewochen gelten dem Institut Wochen, in denen die Durchschnittstemperatur über die gesamte Woche bei mindestens 20 Grad liegt, es also auch nachts nicht ausreichend abkühlt. Das RKI vergleicht dann die tatsächlichen Sterbezahlen in diesen Wochen mit denen, die laut Basis-Mortalität zu erwarten gewesen wären. „Die Anzahl hitzebedingter Sterbefälle ergibt sich dann als Differenz dieser beiden Sterbefallverläufe – es sind also zusätzliche infolge der Hitze aufgetretene Sterbefälle“, heißt es vom Institut auf Anfrage.
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Wer alt ist und allein wohnt, stirbt bei Hitze oft unbemerkt
Nach dieser Rechnung gab es seit Anfang April dieses Jahres 15 Hitzetote pro 100.000 Einwohner in Deutschland. Der Großteil der Verstorbenen war dabei betagt oder hochbetagt: 3110 waren laut RKI älter als 74 Jahre, 6270 älter als 65.
Für ältere Menschen ist das Risiko besonders hoch. Das liegt zum einen daran, dass sie häufiger einschlägige Vorerkrankungen haben. Alzheimer und Demenz, Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen etwa führen laut RKI bei hohen Temperaturen häufiger zum Tod.
Doch es hat auch mit der sozialen Situation vieler Seniorinnen und Senioren zu tun, sagt Uwe Janssens, Intensivmediziner am St.-Antonius-Hospital Eschweiler und medizinischer Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). „Am größten ist die Gefahr für alleinstehende ältere Menschen“, sagt Janssens. Ältere Menschen hätten kein richtiges Durstempfinden mehr und würden deshalb nicht merken, wie viel Flüssigkeit sie bei hohen Temperaturen verlieren. Mit fehlender Flüssigkeit verändere sich dann die Konzentration der Körpersalze. „Die Menschen schlafen ein und werden einfach nicht mehr wach“, sagt Janssens. „In der Regel versagt die Niere, weil die Menschen austrocknen.“
Intensivmediziner hält die RKI-Schätzung für zu niedrig
Wer allein zu Hause wohnt, stirbt in solchen Fällen unbemerkt. „Und auf dem Totenschein steht Organversagen, aber die Hitze hatte einen klaren Einfluss“, sagt der Intensivmediziner. „Diese Todesfälle erfassen Statistiken nicht besonders gut. Ich gehe davon aus, dass die Zahlen des RKI nicht die gesamte Dramatik abbilden. Es sind sicherlich mehrere Tausend Todesfälle mehr.“
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Eine Auswertung des Rettungsdienstes in Köln für die Hitzewelle im Juni zeigt, dass am 28. Juni – dem Tag nach der Spitze der Rekord-Hitzewelle im Juni – der Rettungsdienst in 54 Fällen nur noch den Tod feststellen konnte. Der Wert lag 17-mal so hoch wie an einem Vergleichssonntag mit niedrigeren Temperaturen.
Auch für ältere Menschen, die nicht allein zu Hause leben, kann die Hitze lebensbedrohlich werden. Viele Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen sind schlecht eingestellt auf die Hitze. Klimatisierte Zimmer in Krankenhäusern etwa sind die Ausnahme, auch Verschattung an den Fassaden oder eine gute Wärmedämmung fehlen oft. Ein flächendeckendes Investitionsprogramm, um die Kliniken fit zu machen für kommende heiße Sommer, würde laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft 31 Milliarden Euro kosten. Geld, das die Einrichtungen selbst nicht haben.
Entsprechend heiß ist es in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Die Gewerkschaft Verdi hat in einer nicht-repräsentativen Untersuchung 321 Pflegekräfte und andere Angestellte von Pflegeeinrichtungen gebeten, in einem elftägigen Zeitraum von Ende Juli bis Anfang August die Temperaturen in ihren Einrichtungen zu messen und von ihren Erfahrungen zu berichten. Die Ergebnisse liegen dieser Redaktion vor. In der Spitze wurde es dabei laut den Messungen bis zu 45 Grad heiß. Die Medianwerte lagen nachts und frühmorgens bei 25 und 26 Grad, über den Tag bei 28 bis 30 Grad. In der zugehörigen Befragung berichteten 11 Prozent der Befragten von Kreislaufzusammenbrüchen bei Heimbewohnern und -bewohnerinnen, 10 Prozent von Fällen von Dehydrierung und 9 Prozent von Todesfällen, die mutmaßlich im Zusammenhang mit der Hitze stehen.
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Hitze: Bis zu 45 Grad in Pflegeheimen
„Die Aussagen der Beschäftigten zeigen zum Teil erschreckende Zustände“, sagte Sylvia Bühler, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand, dieser Redaktion. „Temperaturen von bis zu 45 Grad in einigen Pflegeheimen sind für Beschäftigte unerträglich und können für Bewohnerinnen und Bewohner lebensgefährlich sein.“ Sie fordert ein Sofortprogramm für Hitzeschutz und energetische Sanierung von Pflegeeinrichtungen.
Auch Intensivmediziner Janssens fordert mehr Einsatz von der Politik. „Ich bin, auch als Bürger, extrem verstört über die Tatenlosigkeit der Bundes- und Landesregierungen“, sagt er. Was es brauche, seien unter anderem ein verbindlicherer nationaler Hitzeschutzplan, bessere Zusammenarbeit von Bund und Ländern, und Finanzierung. Aber auch mehr Nachbarschaftshilfe und mehr psychosoziale Unterstützung würden Menschen in Hitzewellen schützen. Als Vorbild sieht Janssens Frankreich, wo Kommunen vulnerable Menschen in Hitzeperioden aktiv kontaktieren. „Bei uns“, sagt er, „sterben Menschen nicht nur an der Hitze, sondern letztlich auch an gesellschaftlicher Vernachlässigung.“